Babyzeichensprache: Was ist das? Was kann sie?

Babyzeichensprache - sehr individuell!

Babyzeichensprache – da scheiden sich die Geister. Argwöhnisch haben wir mit Sohn Merlin den Selbstversuch gewagt. Was es mit den Zeichen auf sich hat, welche Erfahrungen wir gemacht haben und ob ich die Babyzeichen empfehlen kann, lest ihr im Artikel.


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Die Cousine hat Schuld

Mein Sohn Merlin ist vier Monate alt, als wir meine Cousine und ihren Freund, beide Merlins Paten, besuchen. Ich bin es gewohnt, dass mir die Cousine Flöhe ins Ohr setzt: Sie hat eine Idee und den Nachhall darf ich in meiner neugierigen Birne ausbaden. So auch dieses Mal – nur dass es sich gleich um eine Armada Flöhe (leben die überhaupt in Verbünden?!) handelt, die mich über ein Jahr beschäftigen sollten.

Nein, nein, NEIN!

Auf wie immer charmant-subversive Art schlendern ganz beiläufig Sätze wie „Die Babyzeichen sollen die Sprachentwicklung enorm fördern“ an meinen Ohren vorbei. Ich entgegne reflexhaft, dass englische Studien keine Vorteile für die Sprachentwicklung des Kindes sähen und ich persönlich glaube, dass sie durch die Babyzeichen sogar verzögert würde.

Ehrgeiz-Uschi

Und schon ist es passiert. Die Flöhe haben es sich längst bequem gemacht im gut vorbereiteten Nest chronischer Neu-Gier: Jetzt will ich wissen, ob meine Ansicht belegbar ist – oder ihre.

Auf Bauch und Kopf gehört: „königliche“ Zwergensprache

Es dauert nicht lange, bis ich mich für die Zwergensprache von Vivian König entscheide. Es gibt eine riesige Auswahl verschiedener Babyzeichensprachen-Systeme, die fast alle eine stark vereinfachte Variante der deutschen Gebärdensprache darstellen. Was Babyzeichen genau sind, erfährst du hier. Frau Königs Konzept scheint mir wohl durchdacht – außerdem bietet sie in München Babyzeichensprache-Seminare an, die ich, sollte ich nicht weiter kommen, besuchen könnte.

Ein Interview mit Vivian König findest du hier.

Papa an Bord

Ich unterbreite Papa Andreas meinen Plan und freue mich, dass er mitmachen will – zum Buch bestellt er gleich eine CD mit Liedern und Reimen und ein Poster mit den wichtigsten Begriffen der Babyzeichensprache. Das prangt fortan auf Merlins Zimmertür.

Unsere Utensilien

 

Neuerscheinungen (hätten wir auch gern ausprobiert)

 

 

Die aktuelle Media-Auswahl findest du hier  oder du kaufst die Titel beim Buchhändler deines Vertrauens. Ich empfehle in München-Schwabing die Buchhandlung Lehmkuhl in der Nähe der Münchner Freiheit (tolle Autoren-Lesungen!).

Da fehlt was …

Das Hauptwerk zur Babyzeichensprache verschlinge ich, tauche via Internet und mit einigen Magazinen ins Thema ein. Manche Zeichen finde ich missverständlich erklärt und suche vergeblich nach Youtube-Tutorials oder Apps. Wenn ich nicht sicher bin, einige ich mich mit Andreas auf eine für uns beide plausible Variante des Zeichens.

Tipp: Mittlerweile gibt es Apps und einen kleinen Online-Kurs, die für Klarheit und Bequemlichkeit beim Üben sorgen. Zwar finde ich die Website etwas sperrig und altbacken, aber sie versorgt dich mit allen nötigen Infos.

Es klappt – erst mal

Mit Spaß und einer guten Portion Emsigkeit mache ich mich ans Werk. Ich beginne mit dem Zeichen für Milch, das Merlin bereits nach einigen Tagen zumindest andeutet. Ich bin fasziniert. Allerdings – jetzt kommt die Durststrecke. Denn so viel ich auch gebärde, scheinbar kommt nichts weiter zurück vom Knaben!

Mama Ungedulda

Ich vergesse, dass der kleine Junge Zeit braucht, das System zu verinnerlichen. Er ist von Anfang an ein Beobachter, der durch Zusehen oft schon begreift, wie der Hase läuft ergo die Babyzeichen funktionieren. Dann braucht es eine Weile, bis auch die Umsetzung funktioniert, sodass ich sie auch richtig verstehe! Wieder einmal bringt mich Merlin an einen meiner neuralgischen Punkte – meine Ungeduld.

Autorin Vivian König kennt das

Auch gegen die Ungeduld ambitionierter Mütter hat Frau König ein Rezept – viele Fallbeispiele und Zitate ehrgeiziger Eltern im Buch beruhigen den Leistungskobold in mir, der zetert und johlt.

Ich liebe FERTIG

Wir warten geschlagene drei Monate auf die nächsten Zeichen wie essen, schlafen, trinken und später das wichtigste Wort: FERTIG! Voller Schwung wirft der kleine Junge, noch kein Jahr alt, glucksend seine Händchen von der Körpermitte auswärts zur Seite, wenn er satt ist. Kurz danach lernt er Zeichen für Lebensmittel: Brot, Brötchen, Gurke, Banane, Nudeln, Wasser und einige mehr.

Noch mal gut gegangen – Dank Babyzeichen

Auf dem Weihnachtsmarkt setzen wir Merlin, 15 Monate alt, in ein kleines Kleinkind-Karussell. Er findet es wunderbar – bis er irgendwann genug hat und – aufsteht! Hier hilft kein Brüllen und kein Zetern. Hier hilft ein Babyzeichen! Ich bedeute ihm, mit beiden aufeinander gelegten Handflächen, sich wieder zu setzen. Zu meiner Überraschung tut er es sofort! Ich bin begeistert und bestärkt, die letzten Geduld-Reserven zu mobilisieren und weiter zu machen.

Sprechen & Gebärden: Bitte ohne Druck

Uns sind die Worte Mama und Papa nicht so wichtig. Wir trainieren ihn nicht, uns Namen zu geben. Vielmehr möchten wir den Dingen um seinetwillen Namen und ihm so Ausdrucksmöglichkeit geben. Auf diese Weise findet er allein und mit großer Freude erst zu Mama und dann zu Papa.

Kreative Babys

Mit einem Jahr kommen Tierzeichen dazu – auch für die Namen unserer Hunde! Für Whiskey zeigen wir mit beiden Daumen und Zeigefingern ein W – Merlin hält Daumen und Zeigefinger zusammen und streckt dafür die Mittelfinger in die Höhe! Kinder verändern die Zeichen so, dass sie für sie bequem und vor allem einfach zu zeigen sind.

Babyzeichen und KiTa?

Mit einem Jahr kommt Merlin in die Kita. Dort verteile ich Babyzeichenbücher und zeige den aufgeschlossenen Erzieherinnen (Danke an dieser Stelle an Katharina, Susi & Team) ein paar wichtige Zeichen. Ich freue mich darüber, dass mein Impuls aufgegriffen wird, erwarte es aber nicht. Überhaupt verteile ich an alle um mich herum Bücher – aber im Grunde beschäftigen nur Andreas ich uns damit, das Zeichen-Vokabular auszubauen. Oft sitzen wir mit dem Buch auf dem Schoß und probieren etwas Neues aus. Manchmal fluche ich, weil ich ein Zeichen vergessen und das Buch gerade nicht zur Hand habe – gut, dass es endlich die ersehnten Apps gibt!

Lallen? Von wegen …

Wir wundern uns – Merlin laut-malt wenig. Er lacht und quietscht, aber das vorsprachliche Lallen fällt bei ihm ähnlich spärlich aus wie das Betasten von Dingen mit dem Mund und die Übungen zur Objektpermanenz.

Deutsch und Schwedisch im Babykopf

Dazu muss ich sagen: Merlin wächst zweisprachig auf. Er hat sozusagen ein drittes Paar Großeltern, das fast von Beginn an auf ihn aufgepasst hat. Wie es dazu kommt und wie es bei uns  läuft mit der Zweisprachigkeit, erfährst du hier.

Boom und Peng – los geht’s!

Überhaupt platzt der Sprachknoten und mit 18 Monaten plappert der Junge bereits über 50 Worte – klar und verständlich. Damit habe ich nie gerechnet. Ich dachte immer, wir Eltern müssten viel raten und ausprobieren, um unsere Babys verstehen und ihre Bedürfnisse erfüllen zu können.

Unsere Rettung bei Autofahrten – bis heute

Wir nutzen die Zeichen weiter und lernen auch noch neue dazu. Die Babyzeichen-CD hören wir mittlerweile auf jeder Fahrt. Stundenlange Autoritte sind durch sie kein Problem – dass Merlin die CD inklusive Reihenfolge mit zwei Jahren auswendig kennt, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen ;-).

Von Motaten und Woschoschons

Mit zwei Jahren spricht Merlin an die 1000 Worte (Zitat Papa: Die Hälfte davon sind Baufahrzeuge!) in Acht-Wort-Sätzen. Er hat fast nie Abkürzungen verwendet – nur die Banane war „Ban“, aus der Tomate baute er eine „Motate „und der Luftballon ist, zumindest für mich, bis heute „Woschoschong“.

Sprachentwicklung de Luxe – dank Babyzeichen?

Ob die rasante Sprachentwicklung tatsächlich auf den Gebrauch der Babyzeichen zurückzuführen ist, lässt sich nicht beweisen. Sicher ist für mich, dass die Zeichen uns sehr frühe Kommunikation ermöglicht und damit viel Konfliktpotential entschärft haben: Wenn sich ein Kind ausdrücken kann, erlebt es sich als selbstwirksam. Mehr zum Konzept der Selbstwirksamkeit ist hier zu lesen.

Frühe Kommunikation – ein Wundermittel gegen Trotz?

Frau König spricht es in ihrem Buch an: Wer sich ausdrücken kann, fühlt sich nicht ohnmächtig. Die Trotzphase kann auf diese Weise entschärft werden.

Wir machen ähnliche Erfahrungen: Merlin muss nicht weinen oder klagen, wenn er etwas haben möchte. Er fragt einfach danach und, wenn es besonders wichtig ist, auch mal mit Nachdruck durch Geschrei und Geheul. Das aber ist selten. Wir glauben aber, dass seine Ausgeglichenheit aus vielen Ingredienzien besteht – dazu mehr in einem anderen Artikel.

Brauchen wir Studien zur Wirksamkeit?

Abgesehen von allen Fürsprechern und Zweiflern – Fakt ist, dass du mit deinen Kindern durch die Verwendung von Babyzeichen früher als ohne kommunizieren kannst. Dafür sind keine Studien nötig. Für mich war Merlins früher Spracherwerb kein erklärtes Ziel, auch wenn ich mich darüber freue. Ich finde die Diskussionen über wissenschaftliche Untermauerung der Wirksamkeit von Babyzeichen mittlerweile müßig. Allenfalls ist es interessant, etwas über neurobiologische Wirkungsweisen des Spracherwerbs zu lernen. Dazu kannst du hier mehr erfahren.

Für Studienfüchse

Wen die wissenschaftliche Seite (wie auch mich) nicht ganz los lässt, findet im Magazin Gehirn & Geist (Serie Kindesentwicklung: Die Entfaltung der Sinne, Nr. 8) auf Seite 10 einen kleinen Artikel, der eine Studie zitiert die nahelegt, das sprachbegleitende Gesten den Spracherwerb fördern. Ein direkter Zusammenhang zu den Babyzeichen besteht hier allerdings nicht.

Von Gänsehaut und Innigkeit

Vor allem habe ich durch dieses Experiment viel über mein Kind und mich selbst gelernt. Auch, wenn das Handbuch fast alle Fallstricke aufzeigt, erklärt, wann der richtige (situative) Moment für ein neues Zeichen gekommen ist – das Probieren, Beobachten, Scheitern und schließlich Merlins gebärdete Antworten lassen mich Gänsehaut in ganz neuer Qualität spüren. Ein so kleiner Mensch bittet bereits mit 16 Monaten konkret um Hilfe (neben FERTIG! Mein Lieblingszeichen)! Dreierlei komplexe Verknüpfungen bleiben Kindern, die keine Babyzeichen lernen, in diesem Alter zumeist verschlossen.

Babyzeichensprache – eine Entscheidung

Von Anfang an habe ich viel Zeit damit verbracht, Zeichen zu lernen und den armen Andreas tyrannisiert, das gleiche zu tun. Das war keine gute Idee. Die Babyzeichensprache ist eine sehr eigene, feine Kommunikationsform, die sich jeder nur im eigenen Tempo erschließen kann. Druck ist wie fast überall auch hier das falsche Mittel. Manche / r muss sich erst an die Bewegungen gewöhnen, die am Anfang komisch erscheinen. Auch das Timing ist eine Sache der Feinabstimmung, die Übung braucht.

Was ich heute anders machen würde

Um mir Zeit zu sparen und meine Ungeduld kontrolliert abzubauen, würde ich heute vermutlich die Gemeinschaft eines Seminars meinen Selbstlernlektionen vorziehen. Mein altes Vorurteil, bei solchen Events nur Helikopter-Eltern und häkelnde Bedenkenträger anzutreffen, finde ich heute ziemlich lustig und ein bisschen traurig. Mit anderen zu üben, sich auszutauschen und gemeinsam über die eigenen Schwächen zu lachen – das habe ich leider versäumt.

Danke

Nicht zuletzt hat mich Merlin der Zauberer gelehrt, meine Vorurteile zu durchschauen und sie gegen ein wahrhaftigeres Bild einzutauschen, das sich mit jedem Tag, jedem Moment verändern darf. Auch die Babyzeichensprache hat ihren Anteil daran. Und meine Cousine. Allen dreien sage ich an dieser Stelle Danke. Danke auch Andreas. Für deine Geduld mit meiner Ungeduld.

 

Links zum Thema

 

 

Was sagt ihr zur Babyzeichensprache: Cool oder absoluter Blödsinn? Her mit euren Erfahrungen, Gedanken und Ideen dazu. Ich bin gespannt!

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Tanja Conrad

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