Natur- und Waldkindergarten – was steckt dahinter?

Natur- und Waldkindergarten – ein kleines Paradies

Waldkindergarten und Naturkindergarten – in ländlichen Gebieten sind sie vereinzelt zu finden, in Städten bleiben sie meist ein schöner Traum. Was hinter diesem Traum steckt, welche Vorurteile kursieren und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen und zu -fühlen, erzählen wir euch hier. 

Post vom Bauernhof!

Merlin bekommt Post. Im Umschlag steckt eine Einladung des Naturkindergarten Schönegge , bei dem wir unseren zweijährigen Sohn Merlin vor einiger Zeit angemeldet haben. Zusammen mit unseren Nachbarn besuchen wir den Hof, der uns wöchentlich mit einer Ökokiste beliefert (für euch Münchner ggf. interessant), über einen Hofladen verfügt und seit 2016 mit dem Naturkindergarten das kleine “Paradies” perfekt gemacht hat. Im Gegensatz zu den anderen Kindergärten, die wir uns angeschaut haben, ruft die innere Stimme: Ja, hier darf Merlin seine Tage verbringen. Seine halben Tage. Und da beginnt die Herausforderung.

Von Idee und Wahrheit

Beim Erstgespräch am Telefon bin ich mir sicher – ach, das mit den Betreuungszeiten kriegen wir hin. Mit etwas Überzeugungskraft wird das. Ja, ich behalte Recht, aber – ich bin diejenige, die überzeugt wird:

Nachdem Kinder Winter wie Sommer den ganzen Tag draußen verbringen und keine regulären Schlafmöglichkeiten haben, sind sie am Nachmittag einfach fertig.

Tja. Theorie ist eine Sache, Praxis eine andere. Ich verstehe, dass ich einen Preis zahlen muss, wenn ich Merlin ein “Stückchen Paradies” schenken möchte. Mehr zu meiner ganz persönlichen Vorstellung vom “inneren Paradies” liest du in meinem Artikel über Gerald Hüther.

Wetter wird hier unwichtig

Da ich Probleme löse, wenn sie tatsächlich da sind, lassen wir uns ein. Nadja, Heilerziehungspflegerin und KiGa-Leiterin und Cindy, ihre Kollegin und frisch gebackene Reittherapeutin, nehmen uns mit auf den Rundgang über den Hof, wir sind fünf Familien. Eigentlich möchte ich hier direkt einziehen, obwohl uns spätwinterliches Grau griesgrämig empfängt – die offenen, lachenden Gesichter der beiden Frauen und ein schnaubendes Pferd, das offensichtlich gerade jemandem ausgebüchst ist, und an uns vorbei rast, machen das vergessen.

Waldkindergarten & Rituale?

Genau so habe ich mir einen Waldkindergarten oder Naturkindergarten vorgestellt. Zwar gibt es auch hier Tagesabläufe, die uns Nadja und Cindy in einem riesigen Pavillon, liebevoll errichtet aus Holz und Weidenruten und mit Stoff bespannt, erklären. Hier sitzen die Kinder mit ihren “Betreuerinnen” auf dicken Baumscheiben und manchmal auch mit den Familien um eine Feuerschale herum, feiern Feste und begehen den Morgenkreis.

Betreuungsschlüssel kaum zu toppen

Einige der Strukturen, die uns die Ladies vorstellen, erinnern an einen ganz normalen Kindergarten. Es gibt Wickelzeiten, Essens-, Bring- und Abholzeiten … nur fast alles zwischen diesen Aktivitäten ist anders hier. Das Team besteht aus sechs Damen (liebe Männer, ich vermisse euch in Kinder-Einrichtungen, mehr zu den Gründen erfahren die LeserInnen hier), dazu aus Meerschweinchen, Pferden, Schafen, Gänsen, und Nadjas Hund – Zwergziegen sollen auch bald einziehen. Der Betreuungsschlüssel ist für einen Kindergarten atemberaubend  – ganz abgesehen vom tierischen “Personal”! 😉 26 Kinder (inklusive zweier “Integrativ-Kinder”) verteilen sich auf sechs, zwei davon halbtags betreuende “Tagesmütter” – “Erzieherin” oder “Betreuerin” passt so gar nicht zu den Frauen und zum Konzept.

Gegessen und gekocht wird drin

Die einzige Inneneinrichtung des Naturkindergartens, der Gesetzgeber schreibt eine Schutzhütte vor, ist ein kleines Haus. Mehr zu den gesetzlichen Bestimmungen zur Eröffnung eines Waldkindergartens liest du hier. Dort essen die Kinder, gehen zur Toilette, werden gewickelt und auch Elterngespräche finden in dem schnieken Holzhäuschen statt. Das Haus erfüllt die höchsten gesetzlichen Kriterien, die “Klasse drei”, wie ich lerne – theoretisch dürften die Kinder hier auch schlafen. In einem Bauwagen oder ähnlichem ist das nicht erlaubt. Geheizt wird mit Holz.

Wieso fühle ich mich hier wohl?

Richtig in Fahrt komme ich als ich erfahre, dass die Kinder das rein biologisch angebaute Obst und Gemüse selbst ernten und bei der Zubereitung helfen – alles vegetarisch! Mir wird immer klarer, dass sich hier meine persönlichen Werte und Vorstellungen von einem “guten Leben” wie durch ein Brennglas verdichten und auf eine Weise gelebt werden, wie ich sie zuhause überhaupt nicht herstellen könnte. Es ist ein bisschen wie “Werte- und Erfahrungs-Outsourcing” – die Kinder dürfen im Waldkindergarten sinnliche Erfahrungen machen, die ich meinem Jungen zuhause und im Rahmen meiner mir selbst gesteckten zeitlichen Möglichkeiten nicht geben könnte. Die Kinder ziehen Schlüsse aus dem, was sie tagtäglich erleben, wie wir mit ihnen umgehen, was wir ihnen vermitteln. So entstehen Werte. Und in diesem konkreten Fall unsere Werte.

Was machen die Kinder im Waldkindergarten?

In kleinen Gruppen entdecken die Kinder den Hof, ernten fürs Mittagessen, kümmern sich um die Pferde (kennenlernen, füttern, reiten, Kutsche fahren) und gehe in den Wald. Die Reittherapeutin und Sozialpädagogin Cindy zeigt den Kindern den Umgang mit den Fluchttieren und nimmt Berührungsängste.

Es gibt das Vorurteil, dass Kinder im Waldkindergarten nicht gut auf die Schule vorbereitet werden, weil hier wenig gebastelt, geschnitten und geklebt wird – ich komme aus einem Waldkindergarten und habe alles nötige gelernt. (Nadja)

Ja, wer möchte, dass die Kinder viel basteln und am Tisch arbeiten, ist hier falsch. Auf explizite Förderung und Training liegt kein Fokus. Jeder müsse für sich entscheiden, wie viel Förderung nötig sei – schön, dass das Team um Nadja auch andere Konzepte respektiert.

Waldkindergarten  – der Weisheit letzter Schluss?

Gleich zu Beginn macht Nadja klar, dass die Natur- oder Waldkindergarten-Pädagogik nicht zu jedem passt. Am Ende des Rundgangs habe ich viele Belege gefunden, die ihre Aussage unterstützen. Wer sein Kind oder auch Kinder hier betreuen lässt, muss / darf rechnen mit:

 

  • bis zu doppelt so hohen Betreuungskosten im Vergleich zum Regelkindergarten
  • dauerhaft schmutzigen Kindern (gilt auch für die Autos!)
  • kürzeren Betreuungszeiten im Vergleich zum Regelkindergarten (hier von Sieben Uhr 45 bis maximal 14 Uhr)
  • Draußen-Junkies
  • dauerhungrigen Kindern
  • selbstbewussten, frei denkenden und -fühlenden kleinen Menschen

 

 

Auch, wenn hier nicht explizit Montessori draufsteht, ist vieles der Reform-Pädagogin Maria Montessori in Konzept und Umsetzung zu finden. Wer mehr über das Konzept Natur- und Waldkindergarten erfahren möchte, kann beim Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten vorbeischauen. Dort findet ihr neben Literaturempfehlungen auch Natur- und Waldkindergarten-Standorte und eine Menge mehr. Stöbern lohnt sich.

Eltern, tut euch zusammen!

Am Abend sitzen wir bei gar nicht biologisch produzierter Pasta & Pizza vom Italiener beisammen und sondieren die Lage. Vier Elternteile, fünf Betreuungstage. Ein Papa im Schichtdienst hat zwei feste freie Tage. Eine Mama wirft den freien Freitag in die Waagschale, der zweite Papa kann mit genug Vorlauf einen freien Tag pro Woche bestimmen. Ich, Mama zwei, kann mir als Freelancerin frei nehmen, wann ich will. Daraus lässt sich bereits während des ersten Viertel Pizza ein schlüssiges Betreuungskonzept erstellen.

… was kommt ist richtig

Noch am selben Abend bestätige ich unsere Anmeldung im Naturkindergarten – allerdings nur im Doppelpack für Merlin und Kristof. Die Plätze sind rar und es ist nicht sicher, ob wir dieses Jahr bereits einen ergattern. Der Ballon fliegt und wir sehen, wo er landet. Es ist schön, nichts zu müssen. Genau das ist es, was den Natur- und Waldkindergarten auszeichnet:

Lasst uns sehen, wie die Dinge sind ohne bereits eine Idee im Kopf zu haben, wie sie sein müssten.

Wie gefallen euch Natur- und Waldkindergärten und wie sieht das Angebot in eurer Region aus? Wir freuen uns auf ideologiefreie und meinungsschwere Diskussionen!

 

 

 

 

Tanja Conrad

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