Von Wahrheit, Worten und Gurus

Wahrheit – Weizenfeld mit Mohn

Von Wahrheit, Worten und Gurus – als ich von den Missbrauchs-Vorwürfen eines für mich wichtigen Autors las, habe ich etwas essentielles verstanden. Dass mich persönlich die Nachricht über das Leid anderer weiterbringt, hat mich nachdenklich gemacht.

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Nicht alles, was schlecht ist, hat ausschließlich schlechte Folgen. (Orhan Pamuk)

Haltlos

Meine Füße graben sich in den nassen Sand. Es ist herrlich, wenn die kühle, weiche Mischung aus winzigen Steinen und Wasser zwischen den Zehen hindurch rinnt. Ich sitze am Strand, bin versunken in ein Buch. Es ist ein schwerer Einband, so dick wie die Bibel. Die feuchten Seiten kleben aneinander vom Salz in der Luft, das ich schmecken kann. Mich hält dort ein Sog  – es ist der, der die Wellen zurück ins Meer treibt. 1994. Spanien, Costa del Sol. Ich bin 22 Jahre alt. Ich habe Abitur, einen Freund, der älter ist als mein Vater. Ich bin orientierungslos, habe kein inneres Navigationsgerät, das mir die Richtung meines Lebens weisen könnte. Ich bin klug. Das ahne ich. Und ich bin schön. Das wird mir gesagt. Trotz Abitur bin ich ungebildet, dafür neugierig und auf diffuse Weise bereit, die weißen Flecken meiner inneren Landkarte zu füllen.

Von der Suche

Dieses Buch, über das ich beinahe den Strand und ganz sicher den Freund vergaß, war das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben von Sogyal Lakar, basierend auf dem tibetanischen Totenbuch. Lakar ist der bekannteste, westliche Lehrer des Buddhismus und Gründer von Rigpa, ein weltweit agierender Verein für tibetischen Buddhismus.

Dieses Buch  wird nicht das letzte Werk sein auf meiner Suche nach einem Ausweg aus meiner jungen, inneren Leere.

20 Jahre später …

Im August 2017 sitze ich im Bett einer kleinen Pension in der sächsischen Provinz. Heute Abend singe ich wieder Carmen. Wie so oft lese ich morgens meine Zeitung, flankiert von starkem Kaffee. Ich bin jetzt nicht mehr jung. Ich bin ein kleines bisschen gebildet und noch immer neugierig. Den Vater-Freund habe ich gegen eine kleine Familie eingetauscht – mit erheblichen Umwegen über weitere Vater-Freunde. Die Leere ist noch da – aber durch den inneren Klimawandel ist sie geschrumpft und verfügt sogar über kleine Oasen.

Ich glaube von Herzen nicht an Zufall.

Zufällig, und ich glaube von Herzen nicht an Zufall, stoße ich auf einen Artikel über Missbrauch in einem buddhistischen Verein – jener größte westliche Lehrer des Buddhismus, Sogyal Lakar, soll zahlreiche Schüler gequält, missbraucht und ausgebeutet haben. Es ist der Autor jenes Buches, das ich damals am Strand studierte. Das erste Buch, das mich philosophisch tief und nachhaltig berührt hat. Friedrich Nietzsche hatte das mit Jenseits von Gut und Böse* nicht geschafft. An dem biss ich mir die Zähne bereits mit 16 Jahren aus. Ich konnte als junge Frau nie lange durchhalten – hat sich mir etwas nicht sofort erschlossen, hat meine Hingabe nicht umgehend ein messbares oder sichtbares Ergebnis gezeitigt, scheute ich weitere Mühe. Etwas Neues musste her.

Den Beschwerde-Brief von den Schülern Sogyal Lakars an ihren “Meister” könnt ihr hier nachlesen.

Vom Glauben an das geschriebene Wort

Ich spüre den Unwillen, den Vorwürfen Glauben zu schenken. Ich halte inne – genau darum geht es! Da schrieb einer über das Leben und den Tod, ich las es mit Anfang 20 – kurz vorher war mein Vater gestorben –  und nahm es für die einzig mögliche Wahrheit. Ich bin mir sicher, dass dieses Buch meinen Glauben in die Macht des geschriebenen Wortes mitbegründete. Viele Jahre glaubte ich seit dem immer und immer wieder, das eine wahre Werk gefunden zu haben, das mir endlich den Schlüssel zur Wahrheit über das Leben reichte, mir seine Struktur, sein Funktionieren im Innersten erklärten würde.

Viele Jahre suchte ich nach dem einen Schlüssel zum Verständnis, wie das Leben funktioniert. Heute habe ich ihn gefunden. Er besteht aus der Erkenntnis, dass es ihn nicht gibt. Und dass ich ihn nicht brauche.

An dieser Stelle entschuldige ich mich bei allen Menschen, die ich mit diesen sich ständig veränderten Wahrheiten manipulierte, drangsalierte und entwürdigte. Ich tat es aus der eigenen Not, mich ohne innere Führung im Leben, das mir verheißungsvoll und bedrohlich zugleich vorkam, zurechtzufinden. Das gelang nur, indem ich versuchte, andere zu belehren, gleichzuschalten und damit mundtot zu machen.

Hör’ auf zu lügen, die kannst du gar nicht geschrieben haben!

Ich glaube, ich werde vorsichtiger in der Wortwahl, dass alles einer inneren Logik folgt. Nachdem ich 2012 mein Festengagement gekündigt hatte, wendete ich mich der Sprache zu. Schon mit sieben Jahren schrieb ich Gedichte. Mein Vater brüllte mich an, als ich sie ihm stolz und mit großen Augen zeigte: “Hör’ auf zu lügen, die kannst du gar nicht geschrieben haben. Die sind allesamt geklaut!” Mein Vater war ein hochbegabter Tyrann. Einer, der hingebungsvoll mit mir Sandburgen baute, mich durch die Luft warf, mir Geschichten erzählte. Und mich schlug und trat. Manchmal auch, wenn meine Mutter sich über mich beschwerte.

Schwarz und Weiß als Überlebensstrategie

Ich verstand eines: wenn mein Vater denkt, dass ich zu dumm bin (mit diesem Mantra wuchs ich auf), solche Gedichte zu verfassen, müssen sie gut sein. Was genau gut ist, wusste ich nicht. Aber es entsprach meinem verzerrten Bild von der Welt, die Dinge unbedingt in gut und böse einteilen zu müssen. Bis heute kranken meine Denke und Schreibe an diesem Überlebensmechanismus der Kindheit.

Die Wahrheit ist tot. Endlich.

Seit 2014 studiere ich Kulturjournalismus. Ein Fernlehrgang, diverse Kurse an der Akademie der bayerischen Presse und meine neuen Kollegen und Freunde werden zum Kaleidoskop, durch das ich die Welt, abgesehen von den wachsenden journalistischen Fähigkeiten, neu erleben darf. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass mich der Journalismus von meinem fast autistischen Bestreben, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, befreit. Es gibt sie nicht, die Wahrheit. Es gibt meine Wahrheit, deine, diese, jene. Es gibt Wahrhaftigkeit. Es gibt Glauben, es gibt Belege. Und Beweise. Ich lerne mit Anfang 40, was mein Sohn mit zwei Jahren schon weiß: zwischen schwarz und weiß gibt es die geilsten Grautöne, silbern glänzende Reflexe. Und manchmal auch Smaragdgrün.

Der Guru als Krücke

Heute, unter meinem Federbett sitzend, gegen das ich allergisch bin, mit seinen gelben und roten Blumen auf blauem, kreppartigen Stoff, macht mich ein Artikel über Missbrauch, Täuschung und Spiel mit den Illusionen suchender Menschen glücklich. Wie paradox. Nicht nur, dass sich weder Täuschung, Lüge noch Gewalt lohnen. Das war mir vorher klar. Auch, dass ich Worte, Meinungen und vor allem Ideologien so objektiv wie möglich prüfen muss, um den Kern eines Dings in eine These zu fassen, ist nicht neu. Nein.

Wir Menschen brauchen keinen äußeren Guru, keine Ideologien, keine Regelwerke, keine eine Wahrheit, um uns krückengleich darauf zu stützen.

Wir brauchen einen inneren Kompass, den, im besten Fall, Eltern ihren Kindern als größtes Geschenk mitgegeben. Und wenn der fehlt, dürfen, vielleicht müssen wir uns der Krücken für eine Weile bedienen. Am Ende – was, wo ist das Ende? – möge ein eigener, innerer Guru die Führung übernehmen, dessen Wertschätzung über die eigenen Person hinaus andere und anderes einschließt.

Wenn ich wieder zuhause bin bei meiner Familie, möchte ich mich oft an das Federbett erinnern, unter dem ich ein weiteres Stückchen Glauben an die eine wahre Wahrheit loslassen durfte.

Ich widme dieses Essay meinem Bruder Lars und meinem Sohn Merlin.

 

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Tanja Conrad

2 Comments

    1. Tanja Conrad 1. September 2017

      Jup, bringt es auf den Punkt.

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