Zweisprachig aufwachsen – wie funktioniert’s stressfrei und mit Freude?

Merlin darf zweisprachig aufwachsen. Wir sprechen die zweite Sprache nicht. Wie es dazu kam und wie wir klar kommen? Hier unsere Geschichte für euch – mit Infos, Tipps & Links zum Thema.


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Kleiner Schwede

 

Mindestens einmal die Woche verbringt unser Sohn Merlin einen Tag mit Mormor Tina (Schwedisch für Oma Tina) und Opa Franz. Tina spricht ausschließlich Schwedisch mit dem Jungen, der mit seinem blonden Schopf und den grünen Augen auch Nils oder Tore heißen könnte.

 

Von wegen Mama, Papa!

 

Er ist 14 Monate alt, als er mich mit besagten kullerrunden Augen anstrahlt und aufgeregt „Titta, titta!“ säuselt. Ich finde das sehr nett, zumal der Kleine sonst wenig von sich gibt. Noch netter finde ich, dass er es wieder sagt, als Tina da ist, die das Geheimnis lüftet: Es heißt „Schau mal!“. Gut. Nicht Mama oder Papa ist das erste Wort – es ist ein schwedischer Imperativ!

 

Und wo hast du Deutsch gelernt?

 

Mittlerweile habe ich meinen Versuch, Merlin selbst zweisprachig aufwachsen zu lassen, aufgegeben. Im Studium habe ich viele Jahre fast ausschließlich Armenisch gesprochen – auf offensichtlich muttersprachlichem Niveau: Beim Sport fragte mich eine armenische Mitturnerin, wo ich so gut Deutsch gelernt hätte …

 

Sprache als Tor zur Welt

 

So denke ich mir: Merlin soll von meinen Kenntnissen profitieren und zweisprachig aufwachsen. Ob jemand Armenisch als Fremdsprache braucht? Vermutlich nicht. Dennoch – diese Sprache ist das Tor zu einer aufregenden Kultur, zu der ich Merlin Zugang schenken wollte. Schenken kann ich aber nur, was ich habe: Über die Jahre, so muss ich feststellen, ist mein Armenisch löchrig geworden. Andauernd muss ich Worte nachschlagen, bin mir grammatikalisch unsicher.

 

Zweisprachig aufwachsen: Experiment I gescheitert

 

Das Ganze mutiert zu einer mühsamen Angelegenheit, weit entfernt von Freude und spielerischem Erkunden. Als ich dann noch im Babyzeichenbuch* lese, dass nur ein Muttersprachler in der Lage ist, eine Zunge nahezu fehlerfrei und authentisch zu vermitteln, beende ich das Experiment.

 

Aus Armenisch wird Schwedisch

 

Ich überlasse Mormor Tina das bilinguale Feld. Es bleibt dabei – Merlin darf, wenn er es möchte, in eine andere Welt eintauchen. Mehr als die Eintrittskarte können wir ihm nicht geben. Was Mehrsprachigkeit mit dem Gehirn anstellt, liest du hier.

 

Absage an die Förderwut

 

Dann kommt die „frühkindliche Förderwut“ eines Tages auch in unserer KiTa auf dem Land an – eine Muttersprachlerin soll ein Mal die Woche Englisch mit den Kindern sprechen. Ich bin nicht begeistert. Auch, wenn ich selbst eher verstandesorientiert bin und, ich gebe es zu, manchmal lieber über das Spielen schreibe, als es mit Merlin zu tun – vom expliziten Fördern halte ich nichts. 

 

Ohne Assoziation keine Sprache

 

Von den Neurowissenschaften wissen wir, dass Sprache emotional belegt sein muss, um sich im Hirn optimal zu verankern. Wenn also Merlin keine Beziehung zur Sprachlehrerin aufbaut, so wird er die Sprache Englisch mit keinem Gefühl verknüpfen und sie wird keine dauerhaften Spuren im Hirn hinterlassen. Anders bei Tina – er liebt seine Mormor, verbindet unendlich viele gemeinsame Momente, Gerüche, Stimmungen und Gefühle mit ihr: Das ist der Stoff, aus dem die lebendige, voller Begeisterung verwendete Sprache ist! Mehr dazu liest du hier in meinem Artikel über den Neurobiologen und Schulreformer Gerald Hüther.

 




Klare sprachliche Unterscheidung

 

Mit anderthalb Jahren spricht Merlin um die 50 Worte – klar und deutlich. Schwedisch höre ich selten. Sein schwedischer Wortschatz ist vorwiegend passiv. Er versteht Tina, spricht aber selbst wenig. Verblüffend ist, dass er immer die richtige Sprache mit jedem wählt, sich selbst sogar korrigiert, wenn er aus Versehen mit Franz oder mir Schwedisch spricht.

 

Don’t mix it up!

 

Von Anfang an bitte ich Tina, die Sprachen nicht zu mischen. Merlin soll sie als geliebte Mormor mit Schwedisch assoziieren, damit er nicht verwirrt wird. Es kann zu Störungen in der Sprachentwicklung kommen, wenn Bezugspersonen zwischen den Sprachen „switchen“.

 

Orientierung finden

 

Von einer Mutter erfahre ich, dass ihr Kind, das dreisprachig aufwächst, mit vier Jahren noch nicht adäquat sprechen kann. Meine Nachfrage ergibt, dass das Kind mit fast allen Bezugspersonen alle drei Sprachen spricht – wie soll sich das Hirn auf diese Weise orientieren? Wenn die Sprache aus praktischen Gründen nicht einer Person zugeordnet werden kann, so ist es sinnvoll, sie einer Personengruppe (etwa eine Familiensprache) oder einer Situation (z. B. am Esstisch) zuzuordnen. Eine informative Zusammenfassung dazu und viele wertvolle Hinweise und Empfehlungen zur Mehrsprachigkeit von Kindern vom Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung findest du hier.

 

Vom Wiederholen und korrigieren

 

Ich bin in meiner Kindheit oft und heftig gemaßregelt worden. Deshalb möchte ich meinem Kind die Chance geben, unbehelligt alle erdenklichen Fehler zu machen, um den Geschmack möglichst vieler Variationen zu kosten – so auch in der Sprache.

 

Ich suche mir Unterstützung

 

Kurse und Therapien, unter anderem der SAFE-Kurs (Sichere Ausbildung für Eltern), eine Eltern-Kind-Therapie bei der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse e. V. (MAP) und Bücher haben mir geholfen, Merlin zu unterstützen (An dieser Stelle gilt mein herzlicher Dank Frau Salamander vom MAP). Ich wiederhole seine Sätze aufmunternd und zustimmend mit winzigen Korrekturen. Oft wiederholt er sie wiederum begeistert inklusive Korrektur – so entsteht Freude statt ein Gefühl von Druck oder Maßregelung.

 

Immer mit Wertschätzung

 

Das lässt sich das auch auf Zwei- oder Mehrsprachigkeit übertragen – wenn Merlin etwas auf Deutsch zu Tina sagt, kann sie es auf Schwedisch wiederholen. Das macht Merlin nicht nur Spaß, es hilft ihm auch, die Sprachen klar zu trennen und zuzuordnen!

 

Macht es euch leichter: Babyzeichensprache

 

Auch Babyzeichen können für Ordnung im Kinderkopf sorgen – neue Worte in der zweiten Sprache bekommen nicht nur einen Klang, sondern können mit einem vertrauten Zeichen verbunden werden. So entsteht eine Sinnbrücke zwischen den Sprachen. Unsere Babyzeichen-Geschichte liest du hier und einen weiteren Erfahrungsbericht von swissmom hier.

 

Sprachen sind wie Kinder – sie brauchen Liebe und Zuwendung

 

Ich selbst spreche (theoretisch) sechs Sprachen – mittlerweile nur noch rudimentär, da ich sie nicht pflege. Manchmal frage ich mich, ob es mir leichter gefallen wäre, den Schatz meiner Fremdsprachen liebevoll zu hegen, wenn mir meine Kindheit eine zweite Muttersprache beschert hätte – die Erkenntnisse der Wissenschaft legen diesen Schluss nah. Und da ich mich in dem Punkt nicht von anderen Eltern unterscheide: Ich möchte Merlin ermöglichen, was ich nicht hatte. So auch eine Sprache. Ob er sie letztendlich spricht, schwedische Lebensart und Kultur zum Teil seines Wesens macht – das bleibt seine Angelegenheit.

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit euren mehrsprachig aufwachsenden Kindern gemacht? Was fällt euch leicht, wo hakt es manchmal? Erzählt uns eure Geschichte – via Mail oder Kommentar.

 

 

 

Tanja Conrad

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