Sprechende Stille

Sprechende Stille – der Heissluftballon steht als Symbol für ein Sternenkind

Sprechende Stille – vor einigen Monaten besuchte ich ein Ehepaar in Ludwigshafen. Sie erzählten mir die Geschichte ihrer Stillen Geburt, die mich bis heute berührt. Deshalb teile ich sie mit euch. Habt ihr ein bisschen Zeit, sie zu lesen?

Eine Reportage von Tanja Conrad

Als sie ihr Kind aus sich herauspresst, schaut sie im Schmerz direkt in den grellen Schein der OP-Lampe. Sie ist erschöpft, als sich die Schultern des Kindes aus dem Unterleib drehen. In ihrer Erinnerung riecht es muffig. Nach altem Ledersofa, nach Holz und Desinfektionsmittel.

Ihr Mann durchtrennt die Nabelschnur und eine Hebamme nimmt das Kind, um es zu wiegen. Es ist der 8. März 2014, 7.05 Uhr. In der 36. Schwangerschaftswoche hat sie ein Mädchen geboren. 47 Zentimeter lang und 1740 Gramm leicht. Das Kind ist tot.

Das Ehepaar wohnt in einem kleinen Haus, Ludwigshafener Vorstadtsiedlung. Gepflegte Gärten, der Rasen trägt Kurzhaarschnitt, eine Schule nebenan. Die Autos fahren langsam und parken eng am Gehsteig. Ein Ort der Geborgenheit. Die Frau und der Mann wünschen sich Kinder. Im Frühling 2013 ist sie in der vierten Woche schwanger. Der Ultraschall bestätigt – dem Embryo geht es gut.

11. Schwangerschaftswoche. Die Gynäkologin stutzt einen Moment. Sie schaut sich den Embryo an, das Herz schlägt. „Da stimmt was nicht“ sagt sie leise. Die Frau bekommt Angst. Sie hat oft Angst. Angst, etwas falsch zu machen, Angst, nicht gut genug zu sein. Sie hat seit Jahren Depressionen.

Aus dem Paradies vertrieben

Das Ehepaar wartet in einer Klinik für Pränatal-Diagnostik auf den Arzt. Er misst im Ultraschall die Nackenfaltentransparenz, eine Flüssigkeitsansammlung im Nackenbereich des Babys. Die ist signifikant erhöht, damit steigt die statistische Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eine Trisomie 21, 13 oder 18 hat.

Die Frau weiß nach der Untersuchung nicht mehr viel von den anderthalb Stunden in der Pränatal-Klinik. Nur, dass sie vielleicht ein behindertes Kind zur Welt bringen wird. Sie fühlt sich wie jemand, der „aus dem Paradies vertrieben“ wurde, liest in Internet-Foren über Kinder mit Chromosomenabweichungen und darüber, wie sich ihr Leben mit einem behinderten Kind verändern würde. Immer neue Informationen, immer neue Hoffnungen. Sie sucht nach integrativen Kindergärten in Ludwigshafen, weiß bald alles über ein Leben mit Turner-Syndrom. Sie gewöhnt sich an den Gedanken, das Kinderzimmer statt mit Spielzeug mit medizinischen Geräten auszustatten.

Die Frau sitzt auf einem der schweren, grüngemusterten Sofas im Wohnzimmer ihres Hauses. Sie schaut auf die Wand, die die Farbe einer teuren Rotweinflasche hat. „Durch das Abwägen aller Möglichkeiten habe ich mich gewappnet für die schlimmsten Nachrichten.“ Während sie spricht, starrt sie auf die Wand mit der grünen Tapete. Bunte, barocke Kordeln, dicht ineinander verwoben, sind darauf gedruckt. Eine Spieluhr hängt da und ein Bild mit den Abdrücken zu kleiner Füße.

Tage vor der Untersuchung schaut sie sich in der Werkstatt immer wieder den Ein-Millimeter-Bohrer an

Es ist der 17. Oktober 2013, 15. oder 16. Schwangerschaftswoche. Sie weiß es nicht mehr genau. Sie hat „panische Angst vor Spritzen“ sagt sie. Einen Millimeter Durchmesser hat die Nadel, durch die an diesem Tag Fruchtwasser aus ihrem Bauch entnommen werden soll, um zu klären, ob das Kind einen Chromosom-Defekt hat. Sie ist Goldschmiedin von Beruf und sie weiß, wie groß ein Millimeter ist. Tage vor der Untersuchung schaut sie sich in der Werkstatt immer wieder den Ein-Millimeter-Bohrer an.

Ein Tablett mit Instrumenten liegt auf ihren ausgestreckten Oberschenkeln, woanders wäre kein Platz gewesen. Sie hört das Aufreißen der Verpackung, in der die Spritze mit der großen Kanüle liegt, sieht sie im Halbdunkel. Auf dem Monitor strampelt das Mädchen in ihrem Bauch. Ein scharfer Schmerz durchfährt ihren Unterleib, als die Ärztin ihr die Nadel in den Bauch stechen will. Die Frau verliert die Kontrolle, schreit, zuckt zusammen und reißt die Knie hoch zum Bauch. Panik. Das Tablett rutscht von ihren Beinen herunter und fällt klirrend zu Boden.

Sie will das Kind behalten

Oberärztin und Assistentin versuchen, ihre Beine wieder gerade auf die Liege zu drücken, der Mann versucht, seine Frau zu beruhigen. Die entschuldigt sich bei den Ärztinnen. Sie entschuldigt sich oft. Die Ärztin drückt die Nadel tiefer in den Bauch. Es klingt, als sei ein Gummi gerissen, als die Nadel durch die Bauchdecke dringt.

Drei Wochen wartet das Ehepaar auf das Ergebnis der Fruchtwasseruntersuchung. Es steht ihnen frei, die Schwangerschaft zu unterbrechen, auch zu einem späteren Zeitpunkt. Als die Frau das erfährt, hatte sie gerade zum ersten Mal Kindsbewegungen gespürt. Sie will das Kind behalten.

Bei Trisomie 13 oder 18 hätte ich es mir nochmal überlegt.

Die Frau streicht über die Lehne des Sofas und sieht zu Boden. Sie spricht leise, trinkt einen Schluck Wasser. Durst hat sie keinen. „Bei Trisomie 13 oder 18 hätte ich es mir nochmal überlegt. Das habe ich auch meinem Mann gesagt. Ich habe Bilder gesehen und es tat mir schrecklich leid für Kinder und Eltern. Ich möchte kein Kind auf die Welt bringen, das erfolglos um sein Leben kämpfen müsste.“

Dann werden sie aus dem schützenden Mutterleib geholt und sind da zum Sterben.

Sie wischt die Tränen aus dem Gesicht. Ihre Augen haben die Farbe von Bitterschokolade und Zimt. Darunter liegen Schatten, kaum dunkler als der Teint ihrer Haut. „Das hätte ich dem Kind vielleicht ersparen wollen. Es ist eine ganz persönliche Entscheidung. Tieren gewährt man Erlösung, aber auch Kinder quälen sich. Dann werden sie aus dem schützenden Mutterleib geholt und sind da zum Sterben.“ Sie schaut zu Boden, ihre Wangen erröten.

Am 8. November kommt der Anruf – das Kind mit der „auffälligen Nackenfalte“ ist genetisch unauffällig. Bis Weihnachten genießt das Ehepaar die Schwangerschaft. Nächstes Jahr würden sie mit Baby feiern, dachten sie. Sie hält ein kleines, rotbemänteltes Sandmännchen in der Hand, streicht über sein Gesicht. Es ist von ihrer Tochter.

28. Schwangerschaftswoche. Die Feindiagnostik der Organe. Ohne pathologischen Befund.

Im Krankenhaus suchen Spezialisten nach Ursachen für das Untergewicht

In der 30. Woche stellt die Gynäkologin fest, dass das Kind zu leicht ist. Sie verweist die Mutter an die Universitätsmedizin Mannheim. Dort suchen Spezialisten nach möglichen Ursachen für das Untergewicht. Sie bekommt Spritzen zur Lungenreifung des Kindes, damit es selbstständig atmen kann, sollte ein früher Kaiserschnitt nötig werden.

Eine Woche später weitere Untersuchungen, Ultraschall, Doppleruntersuchengen. Dabei misst der Arzt die Durchblutung der Gebärmutter und den Blutfluss zwischen Kind und Plazenta, dem Mutterkuchen. Kein Befund. Kein Virus, kein Bakterium, kein Parasit. Aber das Baby wächst nicht. Die junge Frau, zweiunddreißig Jahre alt, nimmt Betablocker wegen Bluthochdruck: Die Mediziner vermuten, dass der Betablocker negative Auswirkungen auf die Plazenta und damit auf das Wachstum des Kindes hat. Der Beta-Blocker wird umgestellt. Und sie nach Hause geschickt.

Sie wird wieder abgewiesen von der Universitätsmedizin Mannheim

33. Woche. Universitätsmedizin Mannheim. Das CTG, das Herzfrequenz und Wehentätigkeit aufzeichnet, zeigt Aussetzer des Herzschlags beim Kind. Trotzdem schicken sie die Ärzte nach Hause – kein Befund, keine Therapie. Wenn etwas sei, würden sie das Kind per Not-Kaiserschnitt holen, sie solle sich keine Sorgen machen. Sie macht sich Sorgen.

34. Woche. Sie geht erneut für einige Tage in die Universitätsmedizin Mannheim. Das CTG bei der Gynäkologin war schlecht, zeigt wieder Herzaussetzer. Die Ärztin fragt, warum das Kind „noch drin“ sei. Keine Diagnose. Sie wird ein weiteres Mal abgewiesen von der Universitätsmedizin Mannheim.

***

Regen prasselt gegen die Balkontür in Ludwigshafen. Sie sitzen jeder in einer Ecke der beiden Sofas, die da stehen wie ein riesiges, grünes L. Weiter voneinander entfernt könnten sie dort nicht sitzen. Da sagt der Mann plötzlich: „Dass du dich nach der Geburt unserer Tochter umbringen wolltest, war mir damals klar.“

Stille.

“Ja, ich habe mit dir auf dem Dach da oben gestanden und dich angesehen. Da hast du letztlich nichts sagen müssen.” „Ok“, sagt sie, blickt den Mann an, rutscht auf die Sofakante. Sie sucht nach Worten, findet keine. Sie zittert ganz leicht, ihre Augen glänzen. Die Zeit steht still im Raum wie ein schlafendes Tier.

35. Woche. Faschingszeit. Die Praxis der Gynäkologin ist geschlossen. Die Frau wendet sich wieder an die Universitätsmedizin Mannheim, um ein CTG schreiben zu lassen – und wird ein letztes Mal weggeschickt von der diensthabenden Hebamme des Kreißsaals. Sie solle zur Vertretung der Gynäkologin gehen. Zu einem Mann, der weder sie noch die Krankengeschichte kennt. In den Kreißsaal dürfe nur, wer eine akute Diagnose hat, erklärt die Hebamme. Der Vertretungsarzt kann ihr nicht helfen.

Niemand konnte ihr sagen, warum das Kind so leicht war

Es ist jetzt still in dem kleinen Ludwigshafener Wohnzimmer. Die Frau erzählt, dass sie und ihr Mann drei Tage vor der Geburt der Tochter, am Abend des 5. März 2014, heftig stritten. Sie spricht damals von der Belastung der Schwangerschaft, der Angst um ihr Kind: Niemand konnte ihr sagen, warum es so leicht war.

In der Nacht nach dem Streit, erzählt sie, spürte sie einen heftigen Schmerz. Es könnte eine Wehe oder vielleicht das Versagen der Plazenta gewesen sein, denkt sie heute. Am Morgen darauf bleibt es „effektiv still in mir“. Effektiv und still. Kein Wort benutzt sie häufiger.

Am nächsten Morgen bewegt sich das Mädchen noch immer nicht

36. Woche. Am nächsten Morgen bewegt sich das Mädchen noch immer nicht. Die Mutter streichelt und begrüßt es, wie sie es jeden Morgen tat, zieht die Spieluhr auf. Nichts. Sie versucht, sie unter der Dusche zu wecken – nichts. Sie hat wieder Angst. Will Gewissheit.

Ultraschall. Stille. Das Baby ist tot.

Sie glaubt, sie würde einen Kaiserschnitt bekommen. Aber sie muss ihr totes Baby gebären. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Kaiserschnitt ist ein invasiver Eingriff, der mit Komplikationen einhergehen kann. Man geht außerdem davon aus, dass die eingeleitete Geburt den Trauerprozess unterstützt. Um 14 Uhr wird die Geburt in der Universitätsmedizin Mannheim eingeleitet. Die Hebammen stellen Kerzen auf, das Baby soll mit Licht zur Welt kommen. Sieben Stunden später hält das Ehepaar sein stilles Baby in den Armen. Das Kind hat seinen Sterbetag vor seinem Geburtstag.

Es ist verhungert oder verdurstet, keiner weiß das genau

Die Eltern entscheiden sich gegen eine Obduktion. Die Untersuchung der Nabelschnur und Plazenta reichen aus, um den Tod des Kindes zu erklären: Die Mutter leidet an der seltenen Faktor-12-Blutgerinnungsstörung, bei der genetisch bedingt ein Gerinnungsfaktor, ein Eiweiß, nicht oder nur in zu geringen Mengen gebildet wird. Dadurch verdickt das Blut und das Kind wird unzureichend mit Nahrung und Nährstoffen versorgt. Es ist verhungert oder verdurstet, keiner weiß das genau. Die Gabe von Acetylsalicylsäure, auch als Aspirin bekannt, hätte vielleicht ausgereicht, um das Leben des Kindes zu retten.

Sie sprechen viel über ihre Tochter. Und sie weinen.

Das Ehepaar entscheidet sich gegen eine Klage. Die Gynäkologin hätte sie unterstützt, gerichtlich gegen die Universitätsmedizin Mannheim vorzugehen. Aber sie brauchen ihre Kraft, um den Verlust zu verarbeiten. Sie sprechen viel über das, was geschehen ist. Sie sprechen viel über ihre Tochter. Und sie weinen. Die Frau ist seit über einem Jahr in Therapie. Sprechen hilft, sagt sie.

***

Es ist der 15. März 2015, 17.42 Uhr, als sie in der 40. Schwangerschaftswoche ihr Kind aus sich herauspresst. Sie schaut im Schmerz in das gebrochene Licht, das durch die Lamellen des Vorhangs dringt. Sie ist erschöpft, als sich die Schultern des Kindes aus dem Unterleib drehen. In ihrer Erinnerung duftet es nach Zitrone und Zimt im Kreißsaal des Klinikum Worms.

Ihr Mann durchtrennt die Nabelschnur, eine Hebamme nimmt das Kind, um es zu wiegen. Das Mädchen ist 48 Zentimeter lang und 3150 Gramm schwer. Das Kind lebt. Die Eltern spüren Erleichterung. Freude spüren sie nicht.

Ich danke den Eltern der beiden Mädchen, die mir viele Stunden ihrer Zeit, Offenheit und Vertrauen entgegengebracht haben. Ich widme diese Reportage ihrem Sternenkind und dem kleinen Mädchen, das mit dem Bobbycar durch das Ludwigshafener Haus ihrer Eltern stürmt.

Wenn dich das Thema Stille Geburt bewegt, kannst du meine Geschichte lesen, mir eine private Nachricht schreiben oder einen Kommentar hinterlassen. Ich nehme mir gern Zeit für dich.

Tanja Conrad

2 Comments

  1. Claire 23. November 2017

    Liebe Tanja,
    ein sehr bewegender Bericht, der mich nicht nur traurig, sondern auch sehr schockiert und wütend macht. Wütend und schockiert, wie hierzulande mit Menschen umgegangen wird, wenn sie wirklich Hilfe benötigen.Was ist das für ein Gesundheitssystem!? Menschlich gesehen ein Disaster!

    1. Tanja Conrad 23. November 2017

      Liebe Claire,
      danke für dein Feedback. Ich stimme dir zu und deshalb fand ich es wichtig, mal Ross und Reiter zu nennen. Ich hoffe inständig, dass das hier jemand von der Universitätsmedizin Mannheim liest.

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