Kinderseele? Egal. Hauptsache, die Zähne sind gerade!

Murmel als Symbol für die Kinderseele

Manchmal bin ich fassungslos. Kleine und größere Dramen spielen sich direkt vor meinen Augen ab: Kinder mit Schlafstörungen, die sich nicht selten auf die Eltern übertragen (vielleicht ist es in Wahrheit andersherum?), Ratlosigkeit, weil’s nicht mit der Eingewöhnung in der Kita klappt. Und wohin gehen diese Eltern mit ihren kleinen Würmern? Zum Zahnarzt, zum Logopäden, zum Osteopathen. Alles schön und gut. Aber was ist mit der Kinderseele? Eine Analyse aus Spätmuttersicht.

 

Alle mit * gekennzeichneten Links sind Affiliates – wir bekommen einen Centbetrag, wenn ihr über diese Links ein Produkt kauft. Euch kostet es nichts extra, für uns ist es ein Teil des Lohns für unsere Artikel. Danke für euren Einkauf!

 

Langsam, wie in Zeitlupe bückt sie sich, um die Kinderschuhe aufzuheben. Dann dreht sie sich zu mir. „Was soll ich nur machen?“ flüstert sie mit Tränen in den Augen. Aus dem Kitaraum dringt lautes Schluchzen. Auch ich habe einen Klos im Hals, möchte die Tür aufreißen und den kleinen Jungen, der nach seiner Mama weint, trösten.

Kinderweinen ertrage ich nicht. Es ist für mich das lebendige Echo meiner eigenen Kindheit.

Ich kenne die Frau mit den „Augen, die was wollen“ kaum. „Er macht ja nur Theater, es fließen überhaupt keine Tränen!“ versucht sich die Mama selbst zu beruhigen. Vermutlich weiß sie, so wie ich, dass Schmerz und Angst keine Tränen brauchen.

Hilfsangebot – ob’s hilft?

Gelegentlich begegne ich ihr, sie erzählt mir von den Sorgen mit den Kindern. Schwere Hautprobleme. Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Schlafstörungen. Der Zweieinhalbjährige beißt andere Kinder. Ich frage nach, ob sie sich nicht Hilfe suchen wolle – schließlich leidet die ganze Familie unter der Situation. Sie hätte es versucht, sei aber ohne nennenswerte Hilfe nachhause gegangen, erklärte sie mir. Ich empfehle ihr die Schreiambulanz der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse e. V. (MAP). Dort habe ich selbst eine wunderbare Ansprechpartnerin gefunden, die uns als Familie unterstützt, Merlin so unbeschadet wie möglich durch die Unwetter meiner eigenen Nähe-Distanz-Problematik zu navigieren.

Wissen ist nicht gleich handeln

Diese Mama, nennen wir sie Greta*, ist sich, wie viele andere auch, bewußt, dass die eigene unverarbeitete Kindheit ihre unsichtbaren Finger im Familienspiel hat. Und sie ist nicht die einzige, deren Kinder vor Zahngesundheit strotzen, die alle möglichen Tinkturen und Salben kennt, die die Symptome neurodermitischer Haut in Schach halten.

Brände löschen oder Brandschutz?

Manchmal frage ich mich, ob es nicht einfacher wäre, diese täglich-nächtliche Mühsal einzutauschen gegen den Blick nach innen. Salben, sprich Wege zu finden, die aus Verhaltensauffälligkeiten, Trennungsangst und Schlafstörungen womöglich nachhaltig hinausführten. Ich mache mir keine Illusionen – diese Wege sind nicht in drei Tagen gegangen. Nicht mal in drei Jahren. Was ich aber aus persönlicher Erfahrung weiß: Es lohnt sich hinzuschauen, auch wenn es wirklich weh tut. Und tatsächlich – dieser Weg ist schmerzhafter als meine Neurodermitis es je war. Die hat sich übrigens seit genau zehn Jahren nicht mehr blicken lassen.

Stammhirn: Segen und Fluch

Ich verstehe dennoch jede einzelne Mama, jeden Papa, die oder der sich keine Hilfe sucht oder suchen kann. Nicht jeder Mensch hat zu jedem Zeitpunkt die nötige Kraft, die eigenen Abgründe mithilfe einer Therapeutin oder eines Therapeuten auszuleuchten. Nicht jede Lebenslage bietet entsprechend Raum und Zeit. Es ist wie mit der Empfängnis: Unglaublich viele Faktoren müssen zusammenkommen, damit sich zwei Zellen finden, aus denen ein Baby wachsen kann. So brauchen auch wir die innere Bereitschaft, einen Nährboden, auf dem Hilfe gedeihen kann. Hilfe, die wir uns aus eigener Kraft suchen, die wir aufspüren, prüfen und der wir vertrauen müssen. Auf jedem Schritt dieses Weges kann uns der Mut verlassen, kann die Stimme des Stammhirns, des „Dinosauriers im Kopf“, der um jeden Preis Veränderung verhindern will, alles zunichte machen:

Lass‘ es, wie es ist. Das kennst du, damit kommst du klar! Guck‘ nicht hin, es könnte dich verletzten!

Es ist die gleiche Stimme, die dein Sofa urplötzlich viel attraktiver als die neuen Laufschuhe erscheinen lässt. Die Stimme, die um jeden Preis Energie sparen will. Ob das gut für dich ist oder nicht, interessiert sie nicht. Ihr Job im „System Mensch“ ist nun mal der Geizhals.




Urteilen ist auch wegschauen. Wegschauen von sich selbst.

An dieser Stelle entschuldige ich mich für meine Unterstellung, vielen Müttern sei die Kinderseele egal. Das Gegenteil ist der Fall. Sie sorgen für sich, gehen ihren eigenen Weg. Viele trauten und trauen sich viel früher als ich, Kinder zu bekommen und haben und hatten viel weniger Zeit, die Gedanken um sich selbst und das Muttersein und -werden kreisen zu lassen. Diese Zusammenhänge zu akzeptieren und den Schmerz auszuhalten, der dadurch für mich persönlich resultieren mag, ist mein Problem und meine Aufgabe.

 

Ich freue mich – Greta* sucht immer wieder Kontakt. Zur Schreiambulanz nach München ist sie nicht gegangen, aber sie fragt nach Büchern und Rat. Ich habe keine Ahnung, warum sie gerade mich fragt. Vielleicht spürt sie, dass ich sie mag. Und dass uns eine schwierige Kindheit und die Aufgabe verbindet, das beste daraus für uns und unsere Familien zu machen.

*Greta gibt es. Ich habe den Namen zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert. Niemand wird Greta erkennen. Außer vielleicht sie sich selbst.

 

Wo bekomme ich Hilfe?

 

  • Telefonseelsorge, rund um die Uhr und deutschlandweit unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 0800 116 123 erreichbar – i. d. R. gut geschulte, ehrenamtliche Mitarbeiter, die dir neben erster Beratung weitere Hilfsangebote und Telefonnummern für dich bereithalten
  • Psychiatrischer Krisendienst Oberbayern, kostenlos erreichbar unter Tel. 0180 6553000 zwischen 9 und 24 Uhr– befindet sich im Aufbau für alle Landkreise. Du kannst dort bereits jetzt konkrete Unterstützung erwarten, unabhängig der Art deiner Sorgen, Krisen, Ängste und Nöte. Eine tolle Sache, finden wir!
  • Schreibaby.de bietet eine Liste von Schreiambulanzen und anderen nützlichen Adressen in ganz Deutschland. Per PLZ-Suche findest du auch in deiner oder der nächst größeren Stadt Hilfe

 

Drei aus der Lieblingsratgeber-Bibliothek (Ihr braucht mehr? Sprecht uns gern an)

 

 

Wie geht ihr mit eurem Problemen um? Habt ihr schon eine Therapie gemacht oder euch anderweitig Hilfe gesucht oder macht ihr das mit euch selbst, euren Familien und Freunden aus? Ich weiß, das ist ein sehr persönliches Thema. Aber in Vorlage bin ich ja schon gegangen. 😉

 

Konnte ich dir helfen? Hat dir mein Beitrag gefallen? Dann würde ich mich freuen, wenn du ihn oder meinen Blog weiterempfiehlst, mir bei Twitter oder Instagram folgst oder Gefällt mir auf Facebook klickst .

Tanja Conrad

Was denkst du darüber?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>