Pinkelparty – ist das zeitgemäß?!

Pinkelparty – was soll der Lärm?!

Pinkelparty. Hedonismus, Vergnügungssucht und Angepasstheit – treiben die so seltsame Blüten? Nicht, dass ich gegen’s Feiern, Amüsieren oder Spaß haben wäre. Was ich allerdings im Flixbus zu hören bekomme, der mich höchstschwanger von Berlin nach München schaukelt, treibt’s zu weit. Liegt das an meinem Alter oder der Überzeugung, dass die innigsten Momente sanft und leise sind? 

Da musst du schon ordentlich auf die Kacke hauen!

Aha, es wird geflucht im Reisebus, erste Reihe links. Meine Musikerinnen-Ohren mutieren unwillkürlich zu geschmeidigen Rabarberblättern auf Empfang.

Zwei Männer. An sich noch ein erträgliches Szenario. Der eine: mein Alter, Anfang vierzig. Der andere wesentlich jünger, mit gespitzten Ohren und aufgerissenen Augen, um ja keine Weisheit des Nachbarn zu verpassen. Ich lausche und höre:

Wenn du ein Kind bekommst, vor allem einen Sohn, brauchst du ‘ne Pinkelparty!

Jetzt ist es meine Fantasie, die Blüten treibt und sie sind nicht lecker. Erste Assoziation: ein Haufen Männer, der zusammen – pinkelt! Ich reiße mich zusammen, schließlich will ich den Gag nicht verpassen. Leider warte ich auf den und mein mich erlösendes Lachen vergeblich. Aber dazu später.

 

Es lebe der Papa!

 

Der faszinierte junge Typ vor mir lässt sich erklären, dass er direkt nach der Geburt seines Kindes eine Party für seine Buddies (mein Altersgenosse sagt Kumpel) auszurichten habe: eine Pinkelparty! Da wird dann so richtig getankt, um den Stress der Geburt loszuwerden und die Vaterschaft zu feiern. Ich bin verwirrt. Geburt. Ich dachte, da bekommt in erster Linie eine Frau ein Kind. Die Vaterschaft wird gefeiert? Jetzt reiß’ dich zusammen, Conrad. Da kommt doch gleich die Pointe. Jou, die kommt. Die Frau, so der Geburtsprofi, bleibe mit dem Kind im Krankenhaus, da werde sie ja gut versorgt.

 

Ich atme schwer und zwar nicht wegen des üppigen Bauchs, der bestimmt gerade ordentlich Adrenalin tankt. Om. Nix Yoga jetzt – Angriff! Soweit komme ich nicht. Der begeisterte Papa in spe ist hingerissen von der Vorstellung, weder ein unter Umständen weinendes Baby wickeln, noch die psychisch-physischen Ups and Downs der Mama ertragen zu müssen (ich übersetze das jetzt frei). Es sei schließlich auch “Mannespflicht, stolz zu sein auf die Heldentat ein Kind gezeugt zu haben!” Unwillkürlich kommen mir Bilder von gehörnten Helmträgern aus Wagner-Inszenierungen vergangener Jahrhunderte in den Sinn, die sich todesmutig und schwellbrüstig auf Drachen stürzen.

 

… und was will Mama?

 

Bei aller Entrüstung bleibe ich vor allem ratlos und ein bisschen traurig zurück. Einigen sich die Eltern auf so eine Party? Möchten die Frauen mit Baby und Krankenhauspersonal ihre erste oder zweite Nacht allein verbringen? Was ist mit den ersten zaubervollen oder manchmal auch schwierigen Stunden mit dem Baby, aus denen Verbundenheit, Kraft und Liebe erwachsen kann?

 

Exkurs Pinkelparty

 

Ursprünglich ist der alte Brauch “Babypinkeln” im norddeutschen Raum entstanden. Verwandte, Freunde und Nachbarschaft klopfen an, um den neuen Menschen willkommen zu heißen. Es galt als “ewiger Glückspilz” derjenige, den das Baby als ersten – anpinkelt! Zu jenen Zeiten, es ist nicht eindeutig auszumachen, aus welcher Zeit der Brauch genau stammt, haben die Frauen ihre Kinder zuhause geboren. Niemand kam auf den Gedanken, sie auszuschließen.

Ich sag’s ja, Zivilisationsblüten!

Wer mehr über den unterschiedlich gedeuteten Brauch erfahren möchte, kann hier weiterlesen. Eine abgeschwächte, mir immer noch abstrus anmutende Variante kannst du bei papa-online nachlesen. Der räumt zumindest die Möglichkeit ein, auf Mutter und Kind zu warten, bis sie wieder zuhause sind. Ich bleibe dabei –

What a strange thing!

Vielleicht bin ich befangen. Für mich war der Auftakt zum Wochenbett eine köstliche Zeit. Auch, wenn die Hausgeburt nach 24 Stunden ins Krankenhaus verlegt werden muss, gehören unsere (Merlins, Andreas’ & meine) ersten drei gemeinsamen Nächte im Familienzimmer des Krankenhauses zum Wundervollsten, was ich je erleben durfte. Die Nähe, das Kennenlernen, unsere Unbeholfenheit – das alles legt den Grundstein für unser persönliches Familiengefühl. Muss ein Mann trinken und laut sein, um Zartheit, Verletzlichkeit und Liebe nicht spüren zu müssen? Ist es das?

 

Vielleicht könnt ihr mich aufklären. Vielleicht habe ich andere Perspektiven nicht auf dem Schirm. Schreibt mir. Dafür wäre ich euch dankbar und sagt mir auch, wenn ihr zustimmt. 😉

Tanja Conrad

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