Pasinger Madrigalchor – Stand By Me Silver Swan

Pasinger_Madrigalchor in der Allerheiligen-Hofkirche München

Der Pasinger Madrigalchor konzertierte am letzen Sonntag im Oktober in der Allerheiligen-Hofkirche. Was Rammstein damit zu tun hat und wie eine Tracht klingen kann? Das verrate ich euch in meiner RiskyRezension.

Eine Minute vor 18 Uhr. Ich schaffe es gerade noch, einen der wenigen freien Plätze in der Mitte des Kirchenschiffs zu ergattern. Der wuchtige Raum, der Platz für fast 400 Zuhörer bietet, leuchtet in sonnigem Orange, es ist angenehm warm. Draußen wird es langsam dunkel. Stille. Chorleiterin Corinna Rösel und der Pasinger Madrigalchor treten auf, fast lautlos. Das erste Mal in diesem Jahr packt mich vorweihnachtliche Stimmung.

Intonation?

Wenn sich Chorsänger einstimmen, verrät das nicht nur etwas über tonale Intonation. Es verrät, wie es dem Chor als Gruppe geht, wie Sängerinnen und Sänger miteinander schwingen. Die Sänger des Pasinger Madrigalchor intonierten sauber, kraftvoll und sind mit Ohren und Augen bei den Mitsängern.

Corinna Rösels Konzept: immer mit Plot

Der Münchener Chor eröffnet mit „Wir lieben sehr im Herzen“, einem Chorwerk des unbekannten Komponisten Daniel Friderici, 17. Jahrhundert. Leider applaudiert das Auditorium und torpediert so die Brücke, die Rösels Konzept über den Abend legt.

Dramatik braucht Raum und Stille. Das hält nicht jeder aus.

Die Stimme einer Erzählerin überrascht die Zuhörer, die neugierig die Hälse recken. Es dauert einen Moment, bis ich die Dame an der linken Seite der Bühne ausmache. Sie trägt eine Liebesgeschichte vor, in einfachen Reimen, die der Chor musikalisch weiterspinnt. Auf diese Weise entstehen keine Brüche zwischen den Stücken und Werken aus fast allen Epochen abendländischer Musikgeschichte. Nachdem wir „sehr im Herzen geliebt“ haben, ertönt „Lady Madonna“, die wieder von Reimen abgelöst wird.

Pasinger Madrigalchor: Gut festhalten!

Es folgt ein wilder Ritt durch musikalische Jahrhunderte. Immer wieder wird er unterbrochen, aufgenommen und weiter gesponnen von den Liebenden, die einander nicht kriegen dürfen – dafür aber sich selbst finden.

Sicher manövriert

Es ist nicht leicht, den Klang im domhaften, bauchigen Konzert-Kirchenschiff der Allerheiligen-Hofkirche kompakt zu halten, den Fokus nicht zu verlieren. Den Pasingern gelingt es. Besonders die Stücke, Titel und Werke, die der Münchner Chor auf Deutsch singt, perlen textverständlich und glasklar. 

Singende, tanzende Bilder von Lust und Begehren

Plötzlich erscheint eine Frau in Tracht auf der Bühne. Ihr Kleid schwingt, wie zum Ländler tanzend. Ich höre Holzschuhe auf den Holzboden knallen, schnell, immer schneller klopfen und stampfen sie in das Podest. Es ist Rösel. Sie lässt ihren Chor mit der alpinen Pop-Ballade „Heast as net“ von Hubert von Goisern in einer ungewöhnlichen, folkloristisch-authentischen Bearbeitung in immer schnellerem Tempo juchzen und jodeln. Herausfordern und begehren. Nein, niemand trägt Dirndl oder Tracht. Keine und keiner keift oder buhlt um eine Geliebte.

Musik malt.

Der verschmähte Geliebte zieht „zum Sterben an einen fernen Ort“. Dort findet er plötzlich wie auch immer gearteten Trost. Es erklingt das Madrigal „The Silver Swan“, das dem Programm  Titel und Höhepunkt gibt. Es gilt als das berühmteste Madrigal von Orlando Gibbons und fußt auf der Legende, dass ein Schwan nur vor seinem unmittelbaren Tod singt.

Was macht der Rammstein hier?!

Corinna Rösel hat keine Berührungsängste. Sie scheint ihre Programme nicht nach Möglichkeiten auszuloten, sondern versucht, Werken Zwischentöne abzugewinnen. Zum Ende des Konzerts kommt der „Engel“ von Rammstein. Es ist egal, ob ich Rammstein-Fan bin oder nicht (bin ich nicht) – gegen die Gänsehaut war nichts zu machen. Ich glaube, Rammstein hätte neidisch sein können auf die Farben und feinen Nuancen, die Rösels Chor dem Stück entlocken konnte. Gelungen ist das durch ein geschicktes Arrangement und dynamisch anspruchsvolle Gestaltung. 

Pasinger Madrigalchor: Ist nur drin, was drauf steht?

Aller Lust an Popsongs, ungewöhnlichen Interpretationen von Pop-Balladen wie “ The Rose“ zum Trotz – der Pasinger Madrigalchor musiziert authentisch und lebendig, wenn er Madrigale singt. Von mittelalterlicher Musik bis zur frühen Klassik überrascht und experimentiert der Chor mit Klangfarben, die in ihrer Interpretation der Popularmusik des 20. Jahrhunderts nur aufblitzen. Mag sein, dass das an der Musik selbst liegt. Vielleicht schwingen die erstaunlich jungen Sängerinnen und Sänger miteinander auf einer anderen Frequenz – auf der vergangener, musikalisch aufwühlender Jahrhunderte.

TIPP Du kommst aus München, singst gern und hast Lust, mit anderen gemeinsam zu musizieren? Melde dich bei Corinna Rösel. Aktuell ist je ein Platz Bass 1, Bass 2 und Tenor 2 unbesetzt. Wenn du musikalischen Rat brauchst oder eine Gesanglehrerin in München suchst, kann dich Corinna Rösel unterstützen. Mehr erfährst du auf der Website des Pasinger Madrigalchor oder der Facebookseite.

Tanja Conrad

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