Organspendeausweis für Kinder – Kind formt Herz mit den Händen

Etwa ein Drittel der Deutschen hat einen Organspendeausweis in Portmonee, Aktentasche oder in der App. Aber was ist mit unseren Kindern? Dürfen wir ihnen auch einen solchen Ausweis ausstellen?  

Organspendeausweis für Kinder – erste Infos

Der junge Verwaltungsangestellte schaut angestrengt auf seinen Bleistift, den er zwischen den Fingern dreht – als wüsste der die Antwort auf meine Frage. Der Stapel mit den Organspendeausweisen auf seinem Schreibtisch hat mich inspiriert:

Darf ich für meinen einjährigen Sohn einen Organspendeausweis ausfüllen?

Der Mann lächelt mich an und erklärt in wohligem Beamtendeutsch, dass er es nicht wisse und ich mir meine Info, bitte schön, anderswo besorgen solle. Ich schnappe mir drei Ausweise, für alle Fälle, und verlasse die aufgeräumte Amtsstube. Zuhause rufe ich eine meiner Ärztinnen-Freundinnen an, die Licht in mein persönliches Ausweis-Dunkel bringt.

Einen Organspendeausweis darfst du für dein minderjähriges Kind nicht ausstellen. Allerdings bist du befugt, im Fall des Hirntods deines Kindes einer Organspende zuzustimmen. Am besten, ihr setzt eine entsprechende Verfügung auf, die das lückenlos klärt. Dort kannst du auch angeben, welche Organe vielleicht nicht transplantiert werden sollen.

Rechtslage

Das Transplantationsgesetz sieht vor, dass Kinder ab dem 16. Geburtstag einen Organspendeausweis rechtsbindend ausfüllen dürfen – Eltern dagegen können das für ihre Kinder nicht tun. Mit 14 Jahren können Kinder einer Organentnahme bereits widersprechen. Eine einheitliche Reglung zur Patientenverfügung für Kinder gibt es derzeit noch nicht – die Patientenverfügung eines Minderjährigen ist vor dem Gesetz unwirksam! Auf der einen Seite schützt das Kinder davor, manipuliert oder mißbraucht zu werden, andererseits ist die rechtliche Lage schwammig, was die Situation im Notfall unnötig verkompliziert. Aufgrund dieser Widersprüche dürfte es in Deutschland bis dato noch zu keiner Einigung gekommen sein. In Österreich und der Schweiz hat die Regierung eine Lösung in Bezug auf die Patientenvollmacht Minderjähriger gefunden – hier ist nicht die Volljährigkeit, sondern die Urteilsfähigkeit der Person Grundlage.

Statt Organspendeausweis

Die pädiatrische Palliativmedizin (vereinfacht: medizinisch-therapeutische Betreuung und Begleitung sterbender Kinder) rät, eine Vorausvollmacht gemeinsam mit den Kindern zu erstellen. Voraussetzung ist, dass die Kinder psychisch in der Lage sind, sich mit dem Thema Sterben auseinanderzusetzen. Als Grundlage kann das Advance Care Planning dienen, das als Leitfaden entwickelt wurde und als dynamische Form der Patientenverfügung gilt. Das medizinische Personal fragt den Patientenwillen wiederholt ab, Manipulation ist so weitgehend ausgeschlossen. Wenn es sich um Babys oder sehr kleine Kinder handelt, können Palliativmediziner und Eltern gemeinsam den besten Weg für das Kind finden.

WICHIG Die Vorausvollmacht muss alle sechs Monate überprüft und erneuert werden, sonst ist sie ungültig![/vc_column_text][vc_column_text]

Doppelte Widerspruchslösung und erweiterte Zustimmungslösung – was ist das?

Anfang 2020 stimmte der Bundestag über die sogenannte Doppelte Widerspruchslösung ab. Gesundheitsminister Jens Spahn erhoffte sich dadurch mehr Spender-Organe. Besonders die Deutschen sind im europäischen Vergleich wenig spendabel, was ihre Organe nach dem Tod betrifft. In anderen Ländern gibt es diese Lösung bereits, die jede*n automatisch zur Spenderin, zum Spender macht, die oder der nicht ausdrücklich widersprochen hat. Doppelt, weil Angehöringe einer, eines Verstorbenen dazu noch einmal befragt werden. Spahn scheiterte mit seinem Vorstoß, es gilt die Erweiterte Zustimmungslösung. Das bedeutet, dass z. b. bei Beantragung eines neuen Ausweises die Spendebereitschaft abgefragt werden soll. Somit benötigen wir weiterhin einen Organspendeausweis, wenn wir Menschen helfen wollen, wenn uns niemand mehr helfen kann.

Organspende – was weißt du eigentlich darüber?

Spätestens, seit ich während meines Studiums in Rostock mit Medizinern zusammen gewohnt habe, komme ich nicht mehr los von den gruseligen Geschichten, die Ärzte derart nüchtern auftischen können, dass mir allein davon die Haare zu Berge stehen. Sie haben auf die skurrilsten Fragen eine sachliche Antwort parat und so interessiere ich mich auch in allen Einzelheiten für die Organspende. Nachdenklich werde ich, als ich von den unzähligen Tests erfahre, die gemacht werden müssen, um den Hirntod zu 100 Prozent nachzuweisen. Das ist die Voraussetzung für die Organspende. Mehr Informationen zur Organspende erhältst du bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Ja zur Organspende?

Wir sind uns in unserer Kernfamilie einig: Wir möchten im Fall unseres Todes unsere Organe spenden. Ich stünde auch für eine Lebendspende zur Verfügung, wenn mein Sohn oder jemand anderes aus Familie oder Freundeskreis ein Stück meiner Leber oder eine Niere brauchen würde um weiterzuleben. Wir spenden Blut und sind bei der DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarksspenderdatei) gemeldet – ich bitte alle Leser /-innen, die noch nicht dabei sind: Bestellt euch die Wattestäbchen und werdet zumindest potentielle Lebensretter. Wer mag – auf geht’s zur Registrierung bei der DKMS.

TIPP Du hast noch keinen Organspendeausweis und hättest gern einen? In vielen Arztpraxen und Gemeinderäumen liegen Vorlagen aus, die du direkt ausfüllen kannst. Falls du nichts findest, frag‘ einfach nach oder bestelle dir hier einen Ausweis. Du kannst ihn auch bequem online ausfüllen und einfach ausdrucken. iPhone-Besitzer müssen keinen Organspendeausweis bestellen, sie können ihn einfach über die Health App den virtuellen Ausweis freischalten.

Habe ich das Recht?

Die Organspende-Vollmacht für mein Kind ist eine ganz andere Sache . Darf ich für einen anderen Menschen derart schwerwiegende Entscheidungen treffen? Meine Antwort: Ja, ich darf. Damit übernehme ich Verantwortung für das Leben meines Kindes, für das ich jeden Tag tausend Dinge entscheide, wichtige und weniger wichtige. Ich bin überzeugt, dass der Tod eines Menschen irgendwann immer einen Sinn ergibt, auch, wenn wir den im Fall eines (eigenen) Kindes vermutlich kaum erfassen können. Deshalb würde ich wollen, dass ein Kindertod gleich einem Kinderleben käme und damit vielleicht kein gefühlter Sinn, so doch Sinnhaftigkeit entsteht.

Ja, ich bin für die Organspende von Kindern für Kinder.

Der Gedanke, mein Kind hergeben zu müssen gehört zu den schmerzhaftesten Gedanken. Zu wissen, dass Merlin und uns als Familie das durch eine Organspende erspart bleiben könnte, gibt uns einen Trost- und Hoffnungsvorschuss, den wir hoffentlich nie nutzen müssen. Wir zahlen ihn aber gern mit der eigenen Bereitschaft, im Fall der Fälle einem anderen Kind das Leben zu retten.

Wie denkst und fühlst du über Organspende beim Kind? Es ist ein sehr emotionales Thema – richtig und falsch gibt es nicht. Über deinen Kommentar und Diskussionen freue ich mich.