Organspendeausweis für Kinder – Kind formt Herz mit den Händen

Etwa ein Drittel der Deutschen hat einen Organspendeausweis in Portmonee oder App. Aber was ist mit unseren Kindern? Dürfen wir ihnen auch einen Organspendeausweis ausstellen? Warum mich das Thema emotional zutiefst berührt hat, welche Antworten ich gefunden habe und zu welchem Schluss wir gekommen sind, liest du im Artikel.

Organspendeausweis für Kinder – erste Herausforderung

Der junge Verwaltungsangestellte schaut angestrengt auf seinen Bleistift, den er zwischen den Fingern dreht – als wüsste der Stift die Antwort auf meine Frage. Der Stapel mit den Organspendeausweisen auf seinem Schreibtisch hatte mich inspiriert:

Darf ich für meinen einjährigen Sohn einen Organspendeausweis ausfüllen?

Der Mann, etwa Mitte 20, lächelt mich an und erklärt in wohligem Beamtendeutsch, dass er es nicht wisse. Ich solle mir meine Info, bitte schön, anderswo besorgen. Aha. Wie meine Kunden es wohl fänden, wenn ich ihnen zu meinen Angeboten keine weiteren Auskünfte geben könnte?

Ich schnappe mir drei Ausweise, für alle Fälle, und verlasse die aufgeräumte und informationsarme Amtsstube. Zuhause rufe ich eine meiner Ärztinnen-Freundinnen an. Vielleicht bringt die Licht in mein persönliches Ausweis-Dunkel.

Einen Organspendeausweis darfst du für den minderjähriges Kind nicht ausstellen. Allerdings bist du befugt, im Fall des Hirntods deines Kindes einer Organspende zuzustimmen. Am besten, ihr setzt eine entsprechende Verfügung auf, die das lückenlos klärt. Darin kannst du auch angeben, welche Organe vielleicht nicht transplantiert werden sollen.

Interessant. Es gibt also die Möglichkeit einer Organspende für Kinder. Allerdings ist das Prozedere komplizierter als bei Erwachsenen. Mit gutem Grund, wie ich später herausfinden werde.

Bevor ich mir weitere Gedanken um das rechtliche Drumherum der Organspende bei Kindern mache, habe ich Wichtigeres zu klären. Wären wir als Eltern überhaupt bereit, ein Organ unseres Kindes für einen anderen Menschen zu spenden

Entscheidungsfindung 

Wenn wir als Eltern klären wollen, ob wir einer Organspende des Kindes grundsätzlich zustimmen würden, müssen wir den furchtbaren Gedanken des Verlusts zu Ende denken. Und fühlen! Wie sollen wir sonst zu einer tragfähigen Entscheidung kommen? Und das gilt auch andersherum: Wie fühlen wir uns bei dem Gedanken, dass ein anderes Kind das Leben unseres Kindes retten könnte? Das sind schwierige Fragen.


TIPP Nehmt euch Zeit für diese Fragen. Erlaubt euch, nein zu sagen, empört, verletzt und wütend zu sein! Das alles ist ein Prozess. Und wenn wir uns dem stellen, treffen wir am Ende eine tragfähige Entscheidung. Es ergibt Sinn, diese wie alle anderen wichtigen Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen. Das schafft auf Dauer Ruhe und gibt Sicherheit.


Wie Organspende Kindern erklären? 

Schwierig ist auch die Entscheidung, ob, wann und wie wir mit unserem Kind über das Thema Organspende sprechen. Überfordert diese Frage nicht alle Kinder unter 16 Jahren? Aus unserer Erfahrung gehört der Umgang mit Tod und Sterben einfach dazu. Vielleicht liegt es daran, dass wir ältere Eltern sind und unser Kind bereits früh Oma und Uroma verloren hat. Gleichzeitig glauben wir, dass es Kindern hilft, den Tod von Anfang an als natürlich zu empfinden.

Wir Eltern dürfen uns die Frage stellen: Scheuen wir uns, über den Tod zu sprechen, weil er uns selbst Angst macht? Wie gehen wir mit Trauer um? Sind wir bereit, unser Kind in seinem Trauerprozess adäquat zu begleiten? 


TIPP In unseren Artikeln Kindertrauer liebevoll begleiten und Merlin und der erste Tod findest du viele Impulse zum Umgang mit (kindlicher) Trauer.


Für uns ist das Thema Organspende und die Aufklärung darüber kein einmaliger, statischer Prozess. Wir haben wichtige Themen im Hinterkopf und sobald sich ein natürliches Gesprächs-Fenster öffnet, nutzen wir es. Über Organspende direkt sprachen wir das erste Mal, als Merlin 6 Jahre alt war. Wir kamen darauf, als wir uns über die physiologischen Ähnlichkeiten von Menschen und Schweinen unterhielten. Über Transplantationen kamen wir dann zur Organspende. Wenn er soweit ist, gehen wir den nächsten Schritt – dabei verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl.

Organspendeausweis ab welchem Alter? Eine besondere Rechtslage

Sobald die Kinder 16 Jahre alt sind, stellen sich viele dieser Fragen nicht mehr. Das Transplantationsgesetz sieht vor, dass Kinder ab dem 16. Geburtstag einen Organspendeausweis rechtsbindend ausfüllen dürfen – Eltern dagegen können das für ihre Kinder nicht tun. Und mit 14 Jahren haben Kinder das Recht, einer Organentnahme zu widersprechen.

Mir wird immer klarer, wie schwer das Thema Organspende von Kindern persönlich wie rechtlich zu greifen ist. Ob eine Patientenverfügung weiterhelfen würde?

Patientenverfügung für Kinder – die nächste Überraschung

Die erstaunliche Antwort: Eine einheitliche Reglung zur Patientenverfügung für Kinder gibt es nicht – die Patientenverfügung eines Minderjährigen ist vor dem Gesetz unwirksam! Klar: Auf der einen Seite werden Kinder davor geschützt, manipuliert oder mißbraucht zu werden. Andererseits ist die rechtliche Lage schwammig, was die Situation im Notfall unnötig verkompliziert und Leben kosten kann. Ich bin verwirrt.

In Österreich und der Schweiz hat die Regierung eine Lösung in Bezug auf die Patientenvollmacht Minderjähriger gefunden – hier ist nicht die Volljährigkeit, sondern die Urteilsfähigkeit der Person Grundlage. Klare Kante.

Organspende unter 16 – es gibt andere Wege als den Organspendeausweis

Organspendeausweis_Kinder zwei Kinder umarmen sich
Wir wollen unsere Kinder schützen. Was ist das Beste für sie?

Wenn du schon weiter bist als wir oder einfach ältere Kinder hast, findest du Rat und Unterstützung bei der pädiatrischen Palliativmedizin (vereinfacht: medizinisch-therapeutische Betreuung und Begleitung sterbender Kinder). Sie rät, eine Voraus-Vollmacht gemeinsam mit den Kindern zu erstellen. Voraussetzung ist, dass die Kinder psychisch in der Lage sind, sich mit dem Thema Sterben auseinanderzusetzen. Als Grundlage kann das Advance Care Planning dienen, das als Leitfaden entwickelt wurde und als dynamische Form der Patientenverfügung gilt. Das medizinische Personal fragt den Willen der Patientin oder des Patienten wiederholt ab – Manipulation ist so weitgehend ausgeschlossen. Wenn es sich um Babys oder sehr kleine Kinder handelt, können Palliativ-Mediziner und Eltern gemeinsam den besten Weg für das Kind finden.


WICHTIG Die Vorausvollmacht muss alle sechs Monate überprüft und erneuert werden, sonst ist sie ungültig!


Die dunkle Seite der Organspende

Von einer Bekannten hörte ich, dass es trotz aller Sorgfalt dennoch zu Missbrauch kommen könne, vor allem im ärmerem Ausland. Nicht selten, so erzählt die Medizinerin, würden Eltern Organe ihrer gesunden (!) Kinder verkaufen, um so den Lebensunterhalt oder sonstige Anschaffungen zu finanzieren. Und das mithilfe deutscher Behörden. Ich bekomme Gänsehaut bei dem Gedanken! Kein Kind darf auf Kosten anderer seine Gesundheit oder gar sein Leben opfern! Zwiespältig, schwierig. Mein Gewissen ist bei diesem Thema gespannt wie ein Zen-Bogen. Ich hoffe, dass ich mich am Ende mit Herz, Hirn und Gewissen auf eine Entscheidung einigen kann.

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Doppelte Widerspruchslösung und erweiterte Zustimmungslösung – was bedeutet das?

Da das Thema Organspende so problematisch ist, sucht auch die Politik immer wieder neue Wege, potentielle Organspender*innen zu schützen. Anfang 2020 stimmte der Bundestag über die sogenannte Doppelte Widerspruchslösung ab. Gesundheitsminister Jens Spahn erhoffte sich dadurch mehr Spender-Organe. Besonders die Deutschen sind im europäischen Vergleich wenig spendabel, was ihre Organe nach dem Tod betrifft.

In anderen Ländern gibt es diese Lösung bereits, die jede*n automatisch zur Spenderin, zum Spender macht, die oder der nicht ausdrücklich widersprochen hat. Doppelt, weil Angehöringe einer oder eines Verstorbenen dazu noch einmal befragt werden. Spahn scheiterte mit seinem Vorstoß. Dennoch einigte sich die Bundesregierung auf eine Gesetzesänderung. Es gilt nun die  Erweiterte Zustimmungslösung. Die bedeutet, dass zum Beispiel bei Beantragung eines neuen Ausweises die Spende-Bereitschaft direkt abgefragt werden kann. Kann

Somit benötigen wir weiterhin einen Organspendeausweis, um sicher zu gehen, Menschen helfen zu können, wenn uns niemand mehr helfen kann.

Organspende – was weißt du eigentlich darüber?

Spätestens, seit ich während meines Studiums in Rostock mit Mediziner*innen zusammen gewohnt habe, komme ich nicht mehr los von den gruseligen Geschichten, die Ärzte derart nüchtern auftischen können, dass mir allein davon die Haare zu Berge stehen. Sie haben auf die skurrilsten Fragen eine sachliche Antwort parat und so interessiere ich mich auch in allen Einzelheiten für die Organspende. Nachdenklich werde ich, als ich von den unzähligen Tests erfahre, die gemacht werden müssen, um den Hirntod zu 100 Prozent nachzuweisen. Das ist die Voraussetzung für die Organspende. Mehr Informationen zur Organspende erhältst du bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

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Doppelte Widerspruchslösung und erweiterte Zustimmungslösung – was bedeutet das?

Da das Thema Organspende so problematisch ist, sucht auch die Politik immer wieder neue Wege, potentielle Organspender*innen zu schützen. Anfang 2020 stimmte der Bundestag über die sogenannte Doppelte Widerspruchslösung ab. Gesundheitsminister Jens Spahn erhoffte sich dadurch mehr Spender-Organe. Besonders die Deutschen sind im europäischen Vergleich wenig spendabel, was ihre Organe nach dem Tod betrifft.

In anderen Ländern gibt es diese Lösung bereits, die jede*n automatisch zur Spenderin, zum Spender macht, die oder der nicht ausdrücklich widersprochen hat. Doppelt, weil Angehöringe einer oder eines Verstorbenen dazu noch einmal befragt werden. Spahn scheiterte mit seinem Vorstoß. Dennoch einigte sich die Bundesregierung auf eine Gesetzesänderung. Es gilt nun die  Erweiterte Zustimmungslösung. Die bedeutet, dass zum Beispiel bei Beantragung eines neuen Ausweises die Spende-Bereitschaft direkt abgefragt werden kann. Kann

Somit benötigen wir weiterhin einen Organspendeausweis, um sicher zu gehen, Menschen helfen zu können, wenn uns niemand mehr helfen kann.

Organspende – was weißt du eigentlich darüber?

Spätestens, seit ich während meines Studiums in Rostock mit Mediziner*innen zusammen gewohnt habe, komme ich nicht mehr los von den gruseligen Geschichten, die Ärzte derart nüchtern auftischen können, dass mir allein davon die Haare zu Berge stehen. Sie haben auf die skurrilsten Fragen eine sachliche Antwort parat und so interessiere ich mich auch in allen Einzelheiten für die Organspende. Nachdenklich werde ich, als ich von den unzähligen Tests erfahre, die gemacht werden müssen, um den Hirntod zu 100 Prozent nachzuweisen. Das ist die Voraussetzung für die Organspende. Mehr Informationen zur Organspende erhältst du bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

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Die Entscheidung: Kinder als Organspender – ja oder nein?

Wir sind uns in unserer Kernfamilie einig: Wir möchten im Fall unseres Todes unsere Organe spenden. Ich stünde auch für eine Lebendspende zur Verfügung, wenn mein Sohn, jemand aus Familie oder Freundeskreis ein Stück meiner Leber oder eine Niere brauchen würde um weiterzuleben. Wir spenden Blut und sind bei der DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarksspenderdatei) gemeldet.

Meine Bitte an dich, wenn du es noch nicht getan hast: Bestelle dir die Wattestäbchen und rette zumindest potentiell Leben.

Wer mag – auf geht’s zur Registrierung bei der DKMS.


TIPP Du hast noch keinen Organspendeausweis und hättest gern einen? In vielen Arztpraxen und Gemeinderäumen liegen Vorlagen aus, die du direkt ausfüllen kannst. Falls du nichts findest, frag‘ einfach nach oder bestelle dir hier einen Ausweis. Du kannst ihn auch bequem online ausfüllen und einfach ausdrucken. iPhone-Besitzer müssen keinen Organspendeausweis bestellen, sie können ihn einfach über die Health App den virtuellen Ausweis freischalten.


Die Entscheidung: Kinder als Organspender – habe ich das Recht?

Die Organspende-Vollmacht für mein Kind ist eine ganz andere Sache. Darf ich für einen anderen Menschen derart schwerwiegende Entscheidungen treffen? Herz, Hirn und Gewissen sind sich einig geworden: Ja, ich darf. Damit übernehme ich Verantwortung für das Leben meines Kindes, für das ich jeden Tag tausend Dinge entscheide, wichtige und weniger wichtige. Ich bin überzeugt, dass der Tod eines Menschen irgendwann immer einen Sinn ergibt, auch, wenn wir das im Fall eines (eigenen) Kindes wohl kaum erfassen können. Deshalb würde ich wollen, dass ein Kindertod gleich einem Kinderleben käme. 

Ja, ich bin für die Organspende von Kindern für Kinder.

Der Gedanke, mein Kind hergeben zu müssen, gehört für mich wie für die meisten Eltern zu den schmerzhaftesten. Zu wissen, dass das Merlin und uns als Familie durch eine Organspende erspart bleiben könnte, gibt uns einen Trost- und Hoffnungsvorschuss, den wir hoffentlich nie nutzen müssen. Wir zahlen ihn aber gern mit der eigenen Bereitschaft, im Fall der Fälle, einem anderen Kind das Leben zu retten.


Organspende beim Kind ist ein sehr emotionales Thema – richtig und falsch gibt es nicht. Es gibt nur die eigene Entscheidung, die wir gemeinsam abwägen und diskutieren dürfen. Treffen müssen wir sie dann allein. Wie denkst und fühlst du darüber? Hast du dich schon entschieden?

Live risky. It’s worth while.