Neurobiologe Gerald Hüther – ein streitbarer Popstar?

Gerald Hüther – auf Suche im Kopf

Gerald Hüther. Es vergeht kaum eine Woche, in der ich nicht einen Blick in seine Bücher werfe oder einer seiner Facebook-Posts über meine Timeline flattert – bis mir ein Artikel in die Finger kommt, in dem er als „Scharlatan“ und „pseudowissenschaftlicher Guru“ diskreditiert wird. Was ist dran am „Mythos Hüther“, den viele gern fallen sähen?


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Ich bin überrascht. Mit voller Wucht schießen plötzlich Aufschreie durch die Medien: Der Mann ist kein empirischer Wissenschaftler! brüllt es in den Artikeln und Rezensionen, eben so marktschreierisch, wie sie es dem leisen Mann aus Göttingen vorwerfen. Einen der kritischen Artikel über Gerald Hüther findest du bei Zeit Online.

 

Erziehungslose Dreifaltigkeit

 

Mein Erstkontakt mit dem bekennenden Schulreformer Gerald Hüther, der sich wie der Philosoph Richard David Precht (Buch: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?) und der dänische Familientherapeut Jesper Juul (Buch: Dein kompetentes Kind) für Beziehung statt Erziehung einsetzt, entsteht 2014 eben durch jene Medien. Lobeshymnen regnet es für Gerald Hüther, der sich wünscht, dass das Schulsystem den ausgelatschten Schuhen nachkriegszeitlicher Drillanstalten entsteigen möge.

 

Von richtig und falsch

 

Ich stimme bereitwillig ein in den gewaltigen Chor der Sehnsüchtigen, die ihren Kindern ermöglichen wollen, was ihnen selbst versagt geblieben ist: Aufwachsen in Freiheit und Selbstbestimmung. Hüthers Bücher, DVDs, Facebook-Posts und Interviews unterstützen mich in dem nicht sehr einfachen Versuch, meine verknöcherten, hierarchischen Denkmuster aufzuweichen und ihnen Stück um Stück eine Welt der liebevollen Unterstützung und Toleranz entgegenzusetzen. Nicht ich bestimme, wie sich mein Kind einer Beschäftigung nähert, sondern lasse ihm seinen Weg. Wie oft biete ich alle Willenskraft auf, meinem zweijährigen Sohn nicht zu zeigen, welches Puzzleteil wohin gehört. Es ist manchmal unerträglich für mich, ihn zu beobachten, nur zu beobachten, wie er mit Hingabe zum vierten Mal versucht, das „falsche“ Teil in die „falsche“ Lücke einzufädeln. Ich merke gar nicht, dass ich die die einzige bin, die falsch liegt. Falsch in der Annahme zu wissen, was richtig ist.

 

Verstand versus Gefühl

 




Gerald Hüthers Werte sind zu einem großen Teil meine geworden, eine bewusste Entscheidung. Die Vorwürfe, seine Thesen seien wissenschaftlich nicht haltbar, stehen im Raum. Ja, er hat keine empirische Forschung betrieben und nicht klinisch-therapeutisch gearbeitet wie z. B. sein Kollege Karl-Heinz Brisch, dessen Bindungstheorien ebenfalls einen wichtigen Anteil an meiner Ent-Wicklung haben. Aber sind die Thesen deshalb per se falsch? Können langjährige Beobachtungen und Erfahrungen vor wissenschaftlichem Hintergrund, und den kann Hüther niemand absprechen, nicht auch zu eklatanten Erkenntnissen führen? Was ist schlecht daran, das Schulsystem aus einer praktischen Perspektive heraus zu beleuchten? Es geht um Menschen und ihre Gefühle. Und darum, was wir brauchen, um unsere Fähigkeiten zu entfalten.

 

Raus auf die Straße!

 

Gerald Hüther ist ein ungewöhnlicher Mann. Er hockt nicht mausgrau und unscheinbar in seinem Elfenbeintürmchen, um sein wissenschaftliches Süppchen zu kochen, das später in irgend einem Fachmagazin für die Ewigkeit schockgefroren wird. Er geht raus in die Welt, legt sich ein Facebook-Profil zu und will wissen, wie der Digital Native tickt und wie er sich einen Weg zu ihm bahnen kann. Er probiert, vernetzt sich und findet Wege, seine Thesen im eigentlichen Sinn populär zu machen. Analog hält er Vorträge, gibt Interviews, berät Kommunen in Fragen zur Schulreform. Wenn ihr das meint, liebe Kollegen, dann habt ihr recht:

Gerald Hüther ist im besten Sinn ein Popstar.

Vielleicht ist es auch eine allgegenwärtige, den Zeiten von Rechtspopulismus und Terrorismus geschuldete Angst vor Ideologien, die die ideologielose Haltung Hüthers als eben auch eine Ideologie zu entlarven sucht. Mir gefällt der Gegenwind jedenfalls und ich nehme an, Herrn Hüther auch. Schließlich wirkt er wie ein Megafon, durch das die Thesen, Ideen und Erkenntnisse Hüthers in die Welt gelangen. Und dieser „Gegenwind“ gibt Aufschluss darüber, wie es uns als Gesellschaft geht, was uns bewegt, wovor wir Angst haben. Ist das nicht „Studie“ genug?

 

Links zu Gerald Hüther

 

 

Literaturempfehlungen

 

 

 

Habt ihr schon Bücher von Gerald Hüther gelesen oder einen seiner Vorträge besucht? Eure Meinung interessiert mich – teilt sie mit uns!

Tanja Conrad

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