Nach der Geburt – nehmt euch Zeit, einander kennenzulernen

Nach der Geburt lernen sich Eltern und Kind kennen

Die Zeit nach der Geburt – egal, ob traditionelle Klinikentbindung, Hausgeburt oder ambulante Geburt: Die ersten Tage nach der Geburt sind wegweisend und können magisch sein. Ich danke meiner Freundin für den wichtigsten Hinweis, den ich dazu erhalten habe. Und den möchte ich heute mit euch teilen. 

Es ist Herbst, 2010. Meine Freundin sitzt mir in dem kleinen Café in Prenzelberg gegenüber. Die Möbel sind so bunt und skurril wie meine Überlegungen zu Geburt und Schwangerschaft. Und genauso improvisiert. Sie nimmt einen Schluck Milchkaffee, lehnt sich zurück. Ich wollte von ihr wissen, warum sie sich für ein Geburtshaus entschieden hatte. Ich, das war diese überzeugte Kinderlose, deren Abwehr gegen Familie begann zu bröckeln.

Eltern, hört anderen Eltern zu

Meine Freundin wünschte sich eine intime, ganz auf sie und ihre Bedürfnisse zugeschnittene Geburt. Sie wollte keine Krankenschwestern, die nachts wie Gespenster durch Wochenbettstationen huschen und poltern, um womöglich zum Schreck frisch gebackener Mütter zu werden. Sie erfüllte sich den Traum von der selbstbestimmten Geburt, für die sie die alleinige Verantwortung übernehmen wollte. Sie hatte keine leichte Geburt. Aber sie brachte ihr Kind im Geburtshaus zur Welt. Und dann ging sie mit ihrem Kind und ihrem Mann nachhause.

Dort war niemand. Eine ganze Woche lang haben sie niemanden empfangen.

Was nach der Geburt passiert …

Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, soweit war ich noch lange nicht. Meine Freundin und ihr Mann wollten die ersten Tage mit ihrem Kind allein verbringen, um einander kennenzulernen. Nichts und niemand sollte sie dabei stören, sie ablenken von den zaubervollen, den schmerzlichen; erstaunlichen und überraschenden Momenten. Sie wollten einander spüren, sich einlassen und bewusst miterleben, wie aus drei einzelnen Menschen ihre Familie entsteht.

Jede Geschichte ist anders

Ich bemerke, wie ihre Geschichte unmerklich zu meiner wird. Das hier sind nun meine Gedanken und Gefühle, die auf dem Acker weiser Inspiration wachsen durften und dürfen. Denn auch wir haben uns dafür entschieden, die erste Woche allein mit unserem Kind zu verbringen. Nichts sollte unsere Aufmerksamkeit von unseren Gefühlen und unserem Kind ablenken.

Ich brauchte keine Glückwünsche, keine Blumen, keine Geschenke. Ich brauchte nur den rhythmischen Atem meines Kindes und damit die Sicherheit, dass der Rest zwischen uns dreien von allein entstehen würde.

Unsere geplante Hausgeburt mussten wir wegen Blasensprung nach 24 Stunden abbrechen. Es folgten zwei irre Tage und Nächte, an deren Ende ich meinen Sohn spontan, also ohne Eingriff, gebären konnte. Leider nicht per Wassergeburt, das wäre mein Wunsch gewesen. Wenn mich der blanke Exhibitionismus packt, stelle ich meinen Geburtsbericht in den Blog. Vielleicht kann er helfen, dass wir Frauen auch im Krankenhaus selbstbestimmt gebären können. Lasst mir etwas Zeit.

Die drei Tage und Nächte im Familienzimmer gehören zu den schönsten meines Lebens.

Was braucht man nach der Geburt ?

Wir brauchten nur Ruhe, um uns auf den Weg zu machen, eine Familie zu werden. Ich konnte es nicht fassen, dass ich plötzlich Mutter war. Mutter, ich?! Unmöglich. Ich sah mein Kind an, streichelte über die dicken, schwarzen Haare, weinte und lachte in unberechenbarer Frequenz. Wir haben uns weder von Hebammen, Pflegepersonal noch irgendwem sonst stören lassen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass schwangere Frauen beziehungsweise Wöchnerinnen mit ihrer Haltung maßgeblich die Qualität von Geburt und der Zeit danach bestimmen.

Ich war dankbar, dass uns manchmal Krankenschwestern das Wickeln abnahmen. Niemand konnte unseren Mikrokosmos stören. Ich erinnere mich an kein Gesicht. Nur an das meines Kindes.

Niemand hat uns behelligt. Es war, als seien wir allein mit uns und alle anderen waren nur da, um uns das Leben zu erleichtern. Ein Segen nach einer nicht ganz leichten Geburt. Manchmal bin ich ein paar Schritte durch den Flur gelaufen. Am zweiten Tag habe ich mich in der Krankenhauskapelle für die Geburt und mein Baby bedankt. Später gab es ein paar angeleitete Rückbildungs-Übungen. Ansonsten blieben wir im Bett. Stundenlang.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, nirgendwohin zu müssen.

Ich glaube, dass jede Mutter, jeder Vater sehr individuelle Bedürfnisse in der Zeit nach der Schwangerschaft hat. Vieles lässt sich nicht planen, eines aber schon: Seid offen für eure Wünsche, seien sie noch so merkwürdig. Ich fand es selbst höchst befremdlich, als ich plötzlich in die Kapelle stürzte und dort ein intensives Erlebnis hatte.

Geburt beinhaltet die Chance, sich neu auszurichten. Nicht nur zu spüren, was ein Baby braucht, sondern auch, was wir brauchen, um erfüllte und damit akzeptable Eltern zu werden.

Was braucht das Baby nach der Geburt ?

Die ersten Stunden nach der Geburt braucht das Baby nichts als Zeit und unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Es braucht unsere Geduld, um seinen Weg vom Bauch zur Brust zu finden, das sogenannte Breast Crawling, und unsere Gesichter, die Mimik, zu studieren. Neugeborene haben nach der Geburt eine lange Phase der Wachheit. Studien zufolge werden sie mit dem Bedürfnis geboren, das menschliche Gesicht zu erforschen. Nach einiger Zeit schließt sich dieses Wachheits-Fenster. Genießt es! 

Das Kind fasst Vertrauen in dem Maß, indem ihr euch an es bindet.

Und auch, wenn ihr all das aus medizinischen Gründen nicht teilen könnt – es kommt der Tag, an dem ihr gemeinsam nachhause geht und ihr diese Zeit nachholt. Es wird nicht weniger bewegend sein, nur anders. Mehr zum Thema Bindung liest du in meinem Artikel über Bindung & Verbindung und über den SAFE-Kurs.

Zauberzeit nach der Geburt …

Die Zeit nach der Geburt zuhause

Eigentlich haben wir das Krankenhausbett nur gegen unser Schlafsofa getauscht, aus dem wir nach der Gelbsuchtbbehadlung (nicht lustig) sechs Tage und Nächte nicht mehr rauskamen. Ich konzentrierte mich in jedem Moment auf mich, mein Baby und seinen Papa. Ich beobachtete die beiden, während sie auf dem Sofa schliefen und genoss die Stille, die gelegentlich ein Vogel durchbrach, der den Sommer verabschiedete.

Wenn ich bei Ihnen reinkomme, habe ich immer ein Gefühl von Geborgenheit. (unsere Hebamme)

Wir hatten uns für eine Hebamme entschieden (und sie für uns), die niemals störte. Sie wog das Baby, zeigte uns, wie wir es baden können und überwachte den Rückbildungsprozess.  Ich stand nur auf, um ins Bad zu gehen, denn ich vertraute dem Rat, meinem Körper und meiner Seele Zeit zu geben, die Geburt zu verkraften.

TIPP Beckenbodenübungen nach der Geburt sind nicht nur hilfreich für die Rückbildung, sondern tun dem Wohlbefinden gut. Die Hebamme kann dir winzige Übungen zeigen, für die du nicht einmal aufstehen musst. Aber übertreibe nicht. Es geht um Wohlfühlen, nicht um Leistung.

An Gewichtsabnahme nach der Geburt habe ich kein einziges Mal gedacht. Es gab Wichtigeres in der ersten Woche mit Baby.

Wir haben im Bett geschlafen, gegessen, gestillt. Gesungen, gesprochen, gelacht und geweint. Vor allem haben wir geschwiegen und gefühlt. Ich habe Angst bekommen, Angst vor dem Muttersein. Ich fühlte mich gefangen, weil mein Baby ununterbrochen Nähe brauchte. Wir hielten die Gefühle aus. Auch, wenn sie weh taten. Es waren Gefühle, die ich nicht kannte. Zumindest waren sie mir vorher nicht bewusst. Und es sind diejenigen, die mir bis heute helfen, mehr über mich zu erfahren und mit meiner Familie zu wachsen und zu heilen.

Kinder machen verdrängte Ängste bewusst. Wir entscheiden, ob wir sie ansehen wollen und können.

Die Geburt eines Kindes ist nach der Pubertät das einschneidendste Ereignis im Leben eines Menschen. Ich finde es wichtig, diesem Umstand maximalen Raum zu geben. Es geht mir nicht darum, Regeln aufzustellen, um die Zeit nach der Geburt so effektiv wie möglich zu gestalten. Das wäre dann wieder die Verneigung vor dem goldenen Leistungskalb, von dem ich mich distanzieren möchte.

Babypause

Jede Mutter, jeder Vater hat eigene Bedürfnisse, Themen und Muster, mit denen sie oder er umgehen muss. Es gibt kein Rezept, das wir gegen eine gelungene nachgeburtliche Zeit eintauschen könnten. Die eine möchte vielleicht schon am zweiten Tag rausgehen nach der Geburt und in Wald oder Park Kraft tanken. Dem anderen ist nach einer Shopping-Tour bei Ikea. Denkt immer daran, dass vor allem euer Baby Unglaubliches vollbracht hat und vielleicht erstmal eine Activity-Pause braucht.

Nach der Geburt – Merlin und Papa schlafen im Wochenbett
Merlin & Papa – auch nach drei Jahren die große Liebe

TIPP Freunde und Verwandte sind sehr traurig, dass sie noch nicht an eurem Glück teilhaben können? Kein Problem. Alle, die helfen und euch etwas gutes tun möchten, dürfen Kuchen, Suppen und Getränke vor die Tür stellen. Ihr könnt im Vorfeld absprechen, was euch gut tut.

Ihr müsst nichts schaffen. Ihr dürft einfach nur sein

Ich wünsche euch eine wunderbare erste Woche mit eurem Baby. Und wenn es euch gut tut, dann feiert ein Fest mit eurer Familie, lasst euch bekochen oder eine Pinkelparty steigen, macht Ausflüge. Aber tut es, weil ihr aus tiefstem Herzen ein Ja dafür habt. Tut es nicht, weil es jemand von euch erwartet. Euer Kind wird es euch danken, wenn ihr auf euch und eure innere Stimme hört.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. (Hermann Hesse)

Ich widme diesen Text meinem kleinen Neffen und seinen Eltern. Nicht, weil sie es brauchen. Weil sie es in diesen Tagen gerade erleben dürfen.

Wie habt ihr die Zeit nach der Geburt erlebt? Wer von euch freut sich gerade auf das Baby, welche Vorstellungen und Wünsche zum Wochenbett treiben euch um? Wenn ihr mehr über die Zeit des Wochenbetts erfahren möchtet, empfehle ich euch meine Liebeserklärung ans Wochenbett inklusive Checkliste mit allem, was das Leben in den ersten sechs Wochen mit Baby leichter macht. Du hast eine Frage? Schreibe mir eine Mail oder diskutiere mit der Community auf Facebook. Wir freuen uns auf dich.

Tanja Conrad

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