Mit Kindern über Krieg sprechen – Kinder zeigen auf Globus auf Ukraine

Mit Kindern über Krieg sprechen und ih  zu erklären, setzt voraus, dass wir ihn selbst verstehen. Vor allem, wenn er hier in Europa wütet. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine habe ich selbst mehr Fragen als Antworten. Wie wir trotzdem unseren Weg gefunden haben, unerklärliches für unseren Sohn greifbar zu machen, erzähle ich dir. Inklusive 12 Strategien, wie du dein Kind unterstützt, die Ereignisse zu verarbeiten und daran zu wachsen.

Lesezeit: 7 Minuten

Mit Kindern über Krieg sprechen – hör ihnen erst einmal zu

„Mama, ich habe im Radio gehört, dass Krieg in Europa ist!“, sagt Merlin, während er sich einen Löffel Kartoffelbrei in den Mund schiebt. Hm, denke ich. Wenn er dabei essen kann, scheint er gerade nicht sehr beunruhigt zu sein.

Irrtum.

48 Stunden nach Einmarsch der Russen in das Landesinnere der Ukraine erfahre ich Neues von meinem Kind. Putins Vasallen hätten dort die Luftabwehr „fertig gemacht“. Das hatte er im Radio des Schulbusses aufgeschnappt. Er kramt seine Nerf, ein fieses Plastikgewehr, aus der Schublade und besorgt sich neue Pfeile für das Ding. Ich ertappe mich dabei, dass mir der Gedanke unangenehm ist, er könne eine Waffe an einem Tag wie heute mit auf den Spielplatz nehmen. Und dann ist mir noch viel unangenehmer, dass mir an einem Tag wie heute wichtig ist, was andere denken.

Beobachte dein Kind

Kinder verarbeiten Situationen auf eine ganz besondere, intuitive Weise. Natürlich kann der Griff zur Pistole ein unbewusster Ausdruck dafür sein, dass sich mein Kind bedroht fühlt. Möglich ist auch, dass sich Merlin mit dieser Pistole ein Bedürfnis erfüllt – das Gefühl zu haben, wehrhaft zu sein. Dass es andere Wege gibt, sich zu wehren, besprechen wir am Abend im Familienbett.


TIPP Vielen Kindern fällt es leichter, sich zu öffnen, wenn Ruhe eingekehrt ist. Abends auf dem Sofa, am Familientisch oder im (Familien-)Bett bieten sich Gelegenheiten, miteinander in Austausch zu kommen.


Krisen im Kopf

Klar ist jedenfalls, dass sich dieser Krieg und seine Allgegenwärtigkeit in den Medien und Köpfen der Menschen auch auf unsere Kinder auswirkt. Ich fühle mich ein wenig wie im Alptraum. Gestern war (?) Corona noch der Staatsfeind Nummer 1. Heute ist es die russische Regierung.

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Wenn du mehr über den bedürfnisorientierten Umgang mit Krisen wissen möchtest, empfehle ich dir das erste und zweite Interview mit der Autorin Saskia John.

Unsere heftigen Gefühle haben nichts bei unseren Kindern zu suchen

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Und ich bin ganz ehrlich: Auch ich saß schon schluchzend vor dem Radio. Dachte an meine Zeit in Ost-Europa und die Menschen, die dort nun um Leben und Existenz ringen. Spontan überlegten der Ehemann und ich, ob wir eine Familie aus der Ukraine aufnehmen könnten. Wir können. 

Mir ist klar: Diese Verzweiflungsgefühle gehören nicht in ein Gespräch mit Kindern. Selbst bei Grundschulkindern vermischen sich immer noch Realität mit Illusion. Und das schürt Ängste, die wir vermeiden können. Schließlich wollen sich Kinder sicher und geborgen fühlen. 


TIPP Dein (Klein-)Kind kann mit dem Begriff Krieg nichts anfangen und zeigt auch sonst kein Interesse? Dann belasse es dabei. Warum sollten wir Kinder grundlos belasten? Grundsätzlich gilt: Lieber weniger als mehr erzählen. Für jedes Alter.


Deshalb ist es gut, wenn ich meine Traurigkeit und Trigger mit Ehemann und Freund*innen bespreche. Wunderbar, dass heute ein Arbeitsessen mit meiner Freundin ansteht. Wunderbar, dass der Ehemann und ich hier auf derselben Welle surfen.

Transgenerationale Weitergabe – vererbte Kriegstraumata

Es gibt handfeste Gründe, warum uns dieser näher rückende Krieg triggert. Wir alle haben Groß- oder Urgroßeltern, die Krieg erlebt haben. Nur wenige von ihnen konnten die Erlebnisse, den Schrecken und den Schmerz verarbeiten, den sie erfahren haben.

In meiner Kindheit waren die noch immer präsent. Es war, als hätten erst meine Großeltern die unverarbeiteten Kriegstraumata direkt in ihr Wohnzimmer getragen. Meine Eltern hatten dem wenig entgegenzusetzen. Und so wirkte Kriegs-Rhetorik und -Gebaren auch in unserem Zuhause.

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TIPP Wenn du Angst vor dem Krieg spürst, mache dich auf die Suche: Wer hat in deiner Familie welche Kriegserfahrungen gemacht? Wie hat sich das auf die Folgegenerationen ausgewirkt? Und: welche generellen Ängste triggert dieser Krieg in dir?


Mir hilft die Arbeit mit dem inneren Kind dabei, Ängste und vererbte Traumata aufzulösen. Ich weiß, das klingt vielleicht irre. Vererbte Traumata! Dass es sie gibt, ist erwiesen. Wo ich sie bei Merlin glaubte zu erkennen, erfährst du in meinem Artikel über Transgenerationale Weitergabe.

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Mit Kindern über Krieg zu sprechen braucht Medienkompetenz 

Merlin spricht seit Ausbruch des Krieges immer öfter über das, was er hört, liest und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Es belastet ihn, treibt ihn um, das spüren wir. Und weil er digitalen Medien ausgesetzt ist und lesen kann, habe ich mir mal wieder Gedanken über unsere Medienkompetenz gemacht. 

  • Weiß Merlin, dass nicht alles stimmt, was er (im Netz) liest, hört und sieht? 
  • Haben wir unsere Familienregeln zum Medienkonsum noch im Griff oder brauchen sie ein Update?

Wie du Klarheit über deine und eure Regeln zur Mediennutzung findest, liest du in meinem Interview mit dem Medienmann Maik Rauschke.

Mit Kindern über Krieg sprechen – keine Angst vor Kriegsspielen

Während ich meine Gedanken auf virtuellem Papier banne, verschanzt sich Merlin in einem Nest vor den Angriffen der Stoffbären, wie er sagt. Dabei erklärt er mir zum 2. Mal, dass es wirklich gut sei, dass die NATO nicht angreift. Warum das gut sei, will ich wissen. „Dann gibt es keinen Weltkrieg“, entgegnet das Kind. Gestern haben wir uns auf dem Globus angesehen, wo die Ukraine liegt. Und dass sie gar nicht so weit von uns entfernt ist, hat Merlin auch bemerkt. 

Mama, können wir jetzt bitte nicht mehr darüber reden?

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Krisen verarbeiten funktioniert ein wenig wie trauern

Aus der Trauerforschung wissen wir, dass wir belastende Situationen in Schüben verarbeiten. Das menschliche Gehirn benötigt, vereinfacht gesagt, Verdauungspausen. Und das gilt besonders für Kinder. So war es auch, als Merlins Oma an Corona gestorben war – trauern und fröhlich sein wechselten sich über Monate ab, bis der größte Schmerz überwunden war. Auch die Tatsache, dass sich Menschen auf unserem Kontinent hier und jetzt die Köpfe einschlagen, ist ein Umstand, der erst einmal in Herz und Hirn ankommen muss.

Mama, kommt der Herr Putin eigentlich später vor Gericht? Merlin, 7 Jahre alt

Bis es so weit ist, benötigen Kinder unsere Begleitung und Unterstützung. Je nach Alter und Temperament kann das über ein Plus an Kuschelzeit, schlafen im (Familien-)Bett, gemeinsame Aktivitäten und Gespräche gehen. Besonders hilfreich ist es, wenn die Schule hier mitzieht, wie es bei uns der Fall ist. 


TIPP Wenn du bemerkst, dass die Kinderhände beim Schauen von Kindernachrichten oder anderen Programmen feucht werden, ist der Stresspegel einfach zu hoch. Kinder können Stress oft noch nicht verlässlich spüren. Deshalb brauchen sie uns, um das Programm entsprechend ihrer Gefühlslage anzupassen.


Kindern Kriege erklären – nur nicht ihre Gefühle!

Und diese Gefühlslage nehme ich ernst. Ja, der Krieg macht Merlin und vermutlich den meisten Kindern Angst. Natürlich könnten wir unseren Kindern sagen, dass sie keine Angst zu haben brauchen. Schließlich stimmt das, zunächst. Allerdings vermitteln wir ihnen damit, dass sie falsch fühlen. Und wir alle wissen, dass es falsch fühlen nicht gibt.

Was wir fühlen, ist Teil unserer subjektiven Realität.

Ich gehe noch weiter. Ängste sind sogar gute Freunde, echte Wegweiser. Das erkläre ich Merlin. Sie zeigen uns, was uns guttut und was nicht. Sie geben Hinweise darauf, was wir benötigen und wie wir uns sicher fühlen können. Darauf erhalte ich eine deutliche Antwort: Eine Umarmung.

Mit Kindern über Krieg sprechen – Weder Krieg noch Krise sind Normalzustand

Vielleicht ist es unsere wichtigste Aufgabe, Kindern zu vermitteln, dass Krise kein Normalzustand ist. Dass wir sie gemeinsam überwinden und aus ihr lernen können. Dass wir, egal was ist, ein Recht haben auf Freude und Leichtigkeit.

„Mama, heute ist echt ein Scheißtag, alles geht schief“, sagt Merlin und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ja, heute lief einiges schief, das fühlt sich total blöd an, oder?“, antworte ich. Das Lieblingsbrot war ausverkauft, die Maus-Zeitung auch und die Hundeschule, bei der wir uns anmelden wollten, hatte zu. Und, ja, das ist wirklich frustrierend, wenn man 7 Jahre alt ist. Und manchmal auch mit 49 Jahren.

12 Strategien, die dich unterstützen, mit deinem Kind bedürfnisorientiert über den Krieg zu sprechen

Mit Kindern über Krieg sprechen – 12 Tipps
Lasst uns den Frieden stärken, statt den Krieg zu bekämpfen. Und das beginnt bei uns zu Hause.

Du kannst dir diese Strategien, die in allen Krisensituationen hilfreich sein können, hier als PDF herunterladen.

Komm, wir sprechen über Frieden!

Lasst uns bei all dem Schmerz und Leid, das der Ukraine und auch den Menschen in Russland widerfährt, unseren Fokus vermehrt auf das Gute, auf den Frieden richten. Sehen, dass der Frühling in den Startlöchern steht, spüren, dass wir nicht machtlos sind. Denn wenn wir unsere Kinder geborgen und sicher durch die Krisen dieser Zeit begleiten, werden sie über alle Fähigkeiten verfügen, die sie brauchen, um diese Welt zu dem zu machen, was wir nicht geschafft haben: zu einem friedlichen Ort.

Ich bin ein Kind des Friedens und will Friede halten für und für mit der ganzen Welt, da ich ihn einmal mit mir selbst geschlossen habe. (Johann Wolfang von Goethe)


Unsere Werte sind der einzige Kompass, der uns wirklich sicher durch Krisen führt. Ich bin glücklich und dankbar dafür, mit dir und vielen anderen diese Werte zu teilen, in die Welt zu tragen und damit unsere Kinder zu stärken. Danke, dass du da bist. 

Live risky. It’s worth while.

Kinder fühlen sich selbstwirksam und gehört, wenn sie Schilder basteln, ihrer Solidarität und Sorge Ausdruck verleihen dürfen
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