Missed Abortion: Erfahrungsbericht mit Happy End

Missed Abortion - von Trauer und Glück

Missed Abortion, die verhaltene, frühe Fehlgeburt. Davon höre ich bewusst das erste Mal, als ich vor drei Jahren auf den Utralschallmonitor starre, der meine Ahnung bestätigt: Das winzige Herzchen in meinem Bauch schlägt nicht mehr. Acht Wochen, nur eine kleine Zeit, hatte ich mit dem kleinen Knopf. Nun will ich Zeit, mich von ihm zu verabschieden.


Wie benommen sitze ich einer „Frau Doktor Irgendwer“, Vertretung meiner Ärztin, die selbst gerade ein Baby bekommt, gegenüber. Sie macht nicht viele Worte.

Sowas passiert. Ich mache gleich mal einen Termin.

Sie fragt nichts, sagt nichts, das mir ein Stückchen Orientierung geben würde. Ich möchte wissen, warum der kleine Mensch gestorben war, noch bevor er leben konnte. Antworten hat die Dame keine, dafür greift sie zum Telefon und vereinbart einen Krankenhaus-Termin für morgen. Das „Problem“ müsse nun schnell behoben werden. Ohne weitere Erklärungen reicht sie mir den Zettel mit ihrer Meinung nach allen nötigen Informationen und verabfolgt uns nach draußen.

 

Wir sprechen kaum, als wir die Praxis verlassen. Zuhause weinen wir gemeinsam. Die Traurigkeit überrascht mich: Eigene Kinder gehörten für mich nicht unbedingt zu einem erfüllten Leben. Zwar haben Andreas und ich uns für ein gemeinsames Baby entschieden, aber nicht um den Preis von ICSI, Leihmutterschaft oder anderer legitimer Kreativlösungen auf dem Weg zum Wunschkind. Dass mich der Verlust derart mitnimmt, ändert meine Perspektive, ändert mich, uns, unser Leben.

 

Ich schaue mir die Klinik im Netz an, die mir die „Doktor Sonstwas“ herausgesucht hat. Dort wird der Muttermund manuell geöffnet, anstatt durch das Hormon Prostaglandine, das auch zur Geburtseinleitung eingesetzt wird. Wie passend zur brachialen Art der Frauenärztin! Wenn du mehr zum Thema Geburtseinleitung durch Prostaglandine erfahren möchtest, lies hier weiter.

 

Ich sage den Termin in der Klinik ab. Stattdessen verschaffen wir uns bei einer anderen Gynäkologin Gewissheit. Sie begegnet uns einfühlsam, erklärt fachlich kompetent und würdigt das kleine Wesen, uns und unsere Gefühle. Ich möchte wissen, ob ich die Missed Abortion aussitzen kann, einfach warten, bis das Gewebe mit der nächsten Menstruation abgeht. Möglich sei das, sagt sie, aber die Curettage (Ausschabung) sei nicht gefährlich, wenn sie hormonell vorbereitet würde und hätte keinen negativen Einfluss auf eine erneute Schwangerschaft. Das „Aussitzen“ der Missed Abortion berge die Gefahr einer Vergiftung, wobei nichts dagegen einzuwenden sei, noch ein wenig zu warten: Und das wünsche ich mir.

 

Das Knöpfchen ist für mich nicht plötzlich zum Problem mutiert, das möglichst schnell behoben werden muss. Meine anfänglichen Zweifel, ob ich es überhaupt behalten wolle, weichen einer Trauer, aus der Stück für Stück ein echter Kinderwunsch erwächst.

Ein Abendmahl für dich

Wir möchten uns in Ruhe von unserem Familienmitglied verabschieden. Die Traurigkeit und das Wissen, dass der kleine Knopf (wir haben ihm einen richtigen Namen gegeben) vermutlich nicht lebensfähig gewesen wäre, verbinden Andreas und mich und geben uns auf eigentümliche Weise Kraft. Wir wandern gemeinsam zu einer winzigen Kapelle, deren Aufstieg, der Via Dolorosa nachempfunden, aus 14 Stationen besteht. Wir haben Wein und Brot für ein Abendmahl mitgebracht und jeder einen Abschiedsbrief fürs Knöpfchen. Mir kommen noch die Tränen, wenn ich daran denke. Aber es sind gute Tränen.

 

Der Abstieg von der kleinen Kapelle ist irgendwie beschwerlich und ich spüre, dass es Zeit wird. Fast drei Wochen sind vergangen, seit ich bei der zweiten Gynäkologin war – jetzt bin ich bereit loszulassen. Am Tag darauf vereinbare ich einen Termin in der Taxis-Klinik in Neuhausen, wir wohnen fast um die Ecke. Die Ärztin, die uns informiert und über die Operation aufklärt, ist mir zutiefst sympathisch. Ich habe das Gefühl, richtig zu sein. Richtig in meinem Leben, an diesem Ort, in dieser Situation. Wie Recht ich hatte und wohin mich dieses leise Gefühl tragen würde, ahne ich noch nicht.




 

Danke an die Taxis-Klinik. Von ganzem Herzen. Ärzte, Schwestern und Pfleger sind rührend, witzig, hilfsbereit. Und sie versuchen nicht, den Schmerz wegzumachen. Ich darf traurig sein. Sie erzählen mir vor der Narkose Anekdoten über Opernsänger (ich bin ja selbst eine), beantworten Fragen, nehmen mich ernst. Ich wünsche allen Frauen und Paaren in dieser schweren Situation derart be-herzte Menschen.

 

Der Eingriff ist schnell vorbei. Das einzig wirklich unangenehme sind die „Wehen“, ausgelöst vom Prostaglandine. Ich bekomme nach dem Aufwachen etwas zu trinken und zu essen und schon steht Andreas an meinem Bett und wir gehen nachhause. An diesem Abend wird aus der vagen Idee, dass ich vielleicht, eventuell, möglicherweise ein Kind haben könnte, ein Wunsch:

Ich möchte in diesem Leben Mutter werden.

Silvester 2013. Wie so oft lockt uns die Ostsee an ihre Ufer. Mit unseren Freunden, Theaterleuten aus Stralsund, tanzen und singen wir ins Jahr 2014. Weit nach Mitternacht bemerke ich, dass ich keinen Alkohol getrunken habe. Komisch. Komisch wird mir so richtig im Januar, als meine Regel streikt und ich siegessicher zu dm jogge, um einen Schwangerschaftstest zu besorgen. Als mir dann an der Kasse schwindelig wird, und mir ist nie schwindelig, will ich den Test schon zurückbringen: Ich brauche  schließlich keinen Beweis für das, was ich weiß!

 

Du fragst dich, ob ich Angst hatte, auch dieses Mal mein Baby zu verlieren? Ja und nein. In den ersten drei Monaten bin ich aufmerksam, beobachte meinen Körper und gehe einmal mehr zu meiner Gynäkologin. Im Grunde spüre ich aber, dass es dieses Mal gut geht. Meine Ärztin, sie ist Schulmedizinerin durch und durch, sagt:

Manchmal braucht eine Gebärmutter eine extra Runde.

Diese „Extrarunde“ war für uns aus jetziger Perspektive ein Segen. Manchmal tut’s halt weh zu verstehen, was welche Wertigkeit im eigenen Leben einnimmt. Und es braucht Momente des Innehaltens, Zurückschauens und Annehmens. Knöpfchen hat mich in wenigen Wochen reich beschenkt: Er hat mich, meine Sehnsüchte und Ängste gespiegelt. Ich danke ihm von Herzen.

Bitte, schweigt nicht, wenn eine Frau in euerer Familie oder im Freundeskreis ihr Baby (früh) verliert – ich bin von Herzen dankbar, dass die wichtigsten Menschen in meinem Leben mit mir geredet und getrauert haben. ❤️

Und ich danke auch dir, Andreas. Du bist mit mir zur Kapelle gewandert, hast mit mir geweint. Du hast dich nicht geduckt und bist dem Schmerz nicht ausgewichen. Gemeinsam haben wir uns verabschiedet und den Verlust verarbeitet. So müssen wir ihn nicht auf unseren Sohn Merlin übertragen, der im September 2014 in unser Leben schneit. Und wir müssen uns nicht chronisch fürchten, dass ihm etwas zustoßen könnte. Wir sind stolz darauf, dass uns das gelungen ist. Und glücklich, uns getraut zu haben:

NoRisk. NoMum. NoRisk. NoDad.

Wenn du eine Missed Abortion erleben mußtest und gerne darüber sprechen möchtest, schreibe mir eine Nachricht. Ich finde, keine Frau und kein Mann sollte mit dem Schmerz allein bleiben. Außer, er oder sie entscheidet sich bewußt dafür. 

servus@norisknomum.me

 

P.S: Im Hebammenblog findest du neben wichtigen Informationen, wie du mit einer Missed Abortion umgehen kannst, einen berührenden, sehr ausführlichen Bericht einer Frau. Ich habe ihn lange nach meiner Missed Abortion gelesen und wünschte, ihn schon damals gefunden zu haben. Er macht Mut, den eigenen Weg zu gehen. Ohne Verklärtheit oder falsch verstandener Romantik. Auch Jana Friedrich Geburt mein Dank.

Tanja Conrad

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