Eine Liebeserklärung ans Wochenbett

Wochenbett - auch für Papa

Das Wochenbett polarisiert. Manche lieben, manche hassen es. Und dazwischen gibt’s auch noch einiges. Wir erleben das Wochenbett bis heute als Basis für jeden erfüllten und erfüllenden Moment – und die Erinnerung daran als Kraftquelle bei Schwierigkeiten und Sorgen. Wie wir es erlebt haben, was es so kostbar gemacht hat, verrät meine Liebeserklärung.


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So gar nicht nach Plan

 

Merlin hält sich, wie jedes anständige Baby, an keine medizinischen Wahrscheinlichkeiten. Er schlüpft drei Wochen “zu früh”. Hätte er es noch ein bisschen eiliger gehabt, wäre er mit drei einhalb Kilo als “Frühchen” eingestuft worden! Dazu kommt es nicht.

Ich will Wochenbett mit allem Drum und Dran!

Eine Hausgeburt* habe ich mir gewünscht. Daraus wird leider nichts, aber dazu gibt es einen gesonderten Artikel. Am dritten Tag im Krankenhaus (Wir empfehlen Familienzimmer!) packen wir Sohn und Sachen und fahren nachhause. Ich spüre jetzt noch die Vorfreude auf das neue Leben zu dritt. Merlin schreit kaum, er ist ein vergnügter kleiner Kerl. Trotz drei Tagen und zwei Nächten Geburt. Leider müssen wir nochmal einrücken ins Krankenhaus, aber das ist eine andere Geschichte.

Zuhause in meinem kleinen Zimmer steht ein Sofa. Das klappen wir die nächsten acht Wochen nicht mehr zu. Warum auch? Ich will Wochenbett, mit allem Drum und Dran!

 

Wochenbett: Back to the roots, aber adaptiert

 

Ich habe viel über das Wochenbett gelesen und in den Vorbereitungskursen gelernt. In München empfehle ich die Wochenend-Vorbereitungs-Kurse für Paare im Elternzentrum der Taxis-Klinik in Neuhausen und die der Uniklinik Maistraße. Ich habe mir sagen lassen, dass auch die Elternschule des Klinikums Dritter Orden tolle Kurse anbietet – dort wurde Merlin auf natürlichem Weg geboren. Auch den Geburtsbericht liefere ich nach. Für mich waren diese Kurse & Bücher die perfekte Einstimmung. Ich will, wie es Naturvölker bis heute tun, mein Wochenbett zelebrieren. Selbstverständlich personalisiert, auf meine mitteleuropäisch geprägten Bedürfnisse zugeschnitten.

 

Besonders hilft mir, dass

 

  • Andreas drei Wochen frei nimmt
  • unsere Hebamme uns wunderbar unterstützt
  • die Hunde im alternativen Paradies untergebracht sind
  • wir oft essen bestellen oder Andreas kocht
  • ich nichts muss
  • die Küche an mein Zimmer anschließt
  • wir eine Federwiege* für Merlin haben
  • Merlin mit in unserem Bett schläft
  • Christina mir einen Kuchen und ein Buch mit Kinderliedern bringt
  • ich die tollsten Freunde habe
  • alle Utensilien gut vom Bett aus erreichbar sind
  • dass ich tolle Bücher zum Lesen habe
  • wir eine Woche ohne Besuch bleiben, um einander kennenzulernen – danke, Antonia für diese Inspiration❤️
  • ich auf viele Tipps von tollen Frauen gehört habe

 

Von innerer, vergessener Freiheit

 

Wir legen uns auf das gemütliche Sofa, auf dem mein Baby eigentlich zur Welt kommen sollte. Die kommende Woche stehe ich nur auf, wenn ich ins Bad gehen will. Andreas macht den Haushalt, wickelt Merlin (meine erste Windel wechsele ich nach zwei Wochen) und – liegt den Rest der Zeit neben uns. Es passiert etwas für mich unglaubliches:

Das erste mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass der innere Richter, die Peitsche, die mich antreibt, Ruhe gibt. Ich muss nichts. Ich muss nichts müssen.

Ich wußte nicht, wie schwer diese innere Peitsche wiegt, wie sehr sie das Glück untergräbt. Die Leichtigkeit, die ich in diesen Wochen spüre, hinterlässt einen paradiesischen Geschmack. Und eine Ahnung mehr, dass Glück vor allem aus innerer Freiheit besteht.

 

Wir wollen einander kennenlernen

 

Die erste Woche möchten wir keinen Besuch. Wir wollen einander kennenlernen, wissen, wie sich die neue “Familienstatik” anfühlt und wie sie funktioniert. Was für eine wundervolle Idee! Es gibt nur die Besuche unserer Hebamme Frau Huber mit den großen klugen Augen, die jedem herzhaften Lachen Konkurrenz machen.

Ich komme immer gern zu Ihnen. Die Stimmung ist so entspannt und fröhlich!

Sie bringt zu jeder Zeit alle Zeit für uns mit. Am dritten Tag zeigt sie uns, wie wir unser Baby baden können. Es gäbe Wasser- und nicht Wasserkinder, sagt sie – Merlin ist definitiv ein kleines Fischlein! Sie kommt auch abends um 11, als ich Sorge um sein Bäuchlein habe. Sie ist immer da. Danke!

 

Die Rückbildung geht rasend schnell. Es mögen die Ruhe und die komplette Entlastung des Beckenbodens sein, die dafür sorgen. Frau Huber ist jedenfalls höchst zufrieden. Auch Merlin nimmt beständig zu. Komisch – da habe ich Unmengen an Büchern verschlungen, aber übers Stillen war keines dabei. Irgendwie war ich mir sicher, dass es funktionieren würde. Und das hat es!

 

Trial and Error

 

Ich prüfe nie, wieviel Merlin trinkt, stille ihn nach Bedarf (manchmal stündlich) und probiere allerlei aus. Natürlich geht nicht alles reibungslos: In solchen Momenten erinnere ich mich an mein ungläubiges Staunen, als ich einmal einem japanischen Vater zugesehen habe, wie er seinen kleinen Sohn anzieht. Das Kind hängt Kopfüber und ich hatte keine Ahnung, wie er den völlig entspannten Jungen in den Schlafanzug eingefädelt hat. Baby-Origami! Moral von der Geschicht’: Es gibt viele, ungeahnte Wege. Trial and error, ich bin dabei.

 

Ausgehzeit

 

Nach einer Woche ist zum ersten mal Ausgehzeit. Die Mutter einer meiner Liebsten feiert Geburtstag. Ich freue mich auf die Menschen, das Grün und die Bäume im Garten. Sicher gibt es Musik! Und gutes Essen! Es gibt von allem reichlich. Mein Baby findet Autofahren in der Sitzschale von Kiddy* zu unserer Freude prima (mit dem hier verlinkten Nachfolgemodell kann euer Baby sogar in der Liegeposition fahren – klare Empfehlung). Er liegt bei Sonnenschein im Garten in seiner Schale (Liegeposition!) und – schlummert!

 

Mama on Drugs

 

Durch diese unerwartete Leichtigkeit in Kombination mit meiner Hausdroge Oxytocin (nur getoppt durch das “Schwangerschaftshormon” Progesteron), bin ich bis zur Schädeldecke euphorisiert. Nach ein paar Stunden und musikalisch begleiteten Stilleinheiten auf der Gartenliege treten wir die kurze Rückfahrt an.

 

Auftakt Attachment Parenting

 

Wir genießen die Ruhe. Merlin trinkt gut, wir kuscheln und helfen ihm dabei, sich in der neuen, “kalten” Welt zurechtzufinden. Gegen den Rat all meiner Ratgeber schläft er zwischen Andreas und mir auf einem Meter vierzig. Eigentlich ein Unding für mich – so wenig Platz! Aber ich finde es köstlich. Attachment Parenting pur. Zwar wache ich die ersten Wochen minütlich auf, weile ich Sorge habe, dass ich auf ihn rollen könnte, doch das passiert nie. Wenn er (Kuschel-) Durst hat, kann ich ihn gleich zu mir holen. Natürlich ist das anstrengend. Im Nachhinein würde ich mich, zumindest partiell,  für ein Beistellbett entscheiden, wie wir es auch im Krankenhaus hatten. Meine Freundin empfiehlt dieses*.

 

Kaffeetante & -Onkel

 

Nach zehn Tagen geht’s zum ersten Mal dreisam ins Café. Liebe Münchner / innen, vermutlich kennt ihr mein Favourite – das Caffé Hausbrandt (Kaffe•Espresso & Barista) in Neuhausen. Es ist traumhaft, inmitten herrlichstem Vintage noch herrlicheren Kaffee zu schlürfen. Und Merlin schläft! Zwischendurch stille ich ihn und nach einer Stunde wollen wir – zurück auf mein Sofa!

 

Vom Glück des vernebelten Intellekts

 

Das stille Sofaglück wird nur durch gelegentliche Besuche, kleine Spaziergänge und Frau Huber aufgemischt. Nichts leisten, in nichts gut sein zu müssen, überrascht mich täglich aufs neue. Ich könnte gerade auch in gar nichts gut sein. Meinen Kopf umgibt ein wohliger Dauernebel, der Sorgen und Kummer von mir fern hält und Leistung völlig unmöglich macht. Den Schlafmangel stecke ich problemlos weg, weil ich ihn akzeptiere, anstelle gegen ihn anzugehen. Ich schwimme auf den Wellen, die sich mir bieten. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit stellt sich ein.

 

Lesesehnsucht erwacht – Merlin auch.

 

Nach zwei Wochen fallen mir die vielen Bücher wieder ein, die verführerisch auf meinem iPad mit Kindle-App auf mich warten. Leider nehmen Merlins Schlafphasen ab – wie kann das denn sein?! Alle haben gesagt, ich hätte am Anfang Unmengen Zeit für mich! War dieser Anfang etwa schon zu Ende? Ja, für mich ist Merlins anfängliches Dauerschlummern bereits das Glockengeläut fürs Ende der Besinnlichkeit. Ich nehme auch das an und denke wieder an den japanischen Papa. Was könnte hier helfen? Wir besorgen uns eine Federwiege* und machen einen Ausflug zu Kinnings, meinem Kinderladen des Vertrauens in München. Dort erstehen wir die Babytrage Manduca*, die mir eine Freundin empfohlen hat. Dazu kannst du meinen Manduca-Testbericht lesen oder gleich ins Serienfazit von Kraxe & Co eintauchen.

 

Ups …

 

Es ist berückend zu beobachten, wie der kleine Mensch, der mich nicht wenig an Wilmas blinde, hilflose, schreiende Welpen erinnert, langsam er-wacht. Er beginnt das Köpfen neugierig zu drehen, mich anzusehen und zu lächeln. Ich bemerke, dass ich ihn ganz stumm wickele und auf seine Kommunikations-Angebote spärlich eingehe. Ich muss lachen, als mir der Grund bewußt wird: Jahre lang habe ich trainiert, nicht mehr so viel mit meinen Hunden zu sprechen. Ich war erfolgreich! Schönen Dank. Jetzt darf ich nicht nur retour trainieren, sondern muss auch noch, je nach Schutzbefohlenem, unterschiedlich reagieren. Zuviel für eine intellektuell eingeschränkte Mama!

 

Reich beschenkt ❤️

 

Als Merlin 14 Tage alt ist, bekommt er Besuch. Von unseren Hundesittern. Diese drei gemeinsamen Stunden verändern unser aller Leben. Ich beobachte Tina, wie sie mit dem winzigen Bübchen kommuniziert. Er scheint ihr zu antworten und ich weiß in dem Moment: Ja, dir möchte ich mein Kind anvertrauen, wenn es soweit ist. Diese Momente vergesse ich nie. Tina und Franz sind heute Merlins drittes Paar Großeltern. Mindestens ein Mal die Woche verbringt er einen Tag bei ihnen und lernt Schwedisch von seiner Mormor (Oma) Tina. Ich danke euch, Tina und Franz. Für alles, was ich von euch lernen darf und für das Glück, das Merlins ganzen Körper beben lässt, wenn ihr ihn umarmt.

 

Danke

 

Trotz des Wiedereinzugs der Bücher und damit des äußeren Lebens bleibt das stille Glück noch lange mein Begleiter und füllt verlassene Seelenräume. Ich ahne, dass es mir wieder abhanden kommen wird. Und ich weiß, dass ein Teil für immer bleibt als Wegweiser, die anderen verlassenen Räume in Eigenverantwortung zu erkunden und mit Leben zu erfüllen. Danke, Merlin. Danke allen, die das Wochenbett, einer Plazenta gleich, zum Nährboden für ein neues Leben gemacht haben. Unser Leben als Familie.

 

Unsere Wochenbett-Highlights:

 

  • Mama braucht ein Tablet! (ich empfehle das handliche iPad mini* mit mindestens 64 GB Speicher) Damit kannst du schnell etwas recherchieren, deine Ebooks lesen oder anderweitig mit der Welt in Kontakt bleiben oder kommen – wenn du das möchtest
  • Eine riesige Thermoskanne* mit Stilltee* am Sofa – du wirst ständig Durst haben!
  • Ein Telefon in der Nähe (es kann dir immer mal übel werden, etc.)
  • Eine Liste mit den wichtigsten Telefonnummern wunderbarer, hilfsbereiter Menschen
  • Überall Tücherboxen* und Stoffwindeln*
  • Dein Lieblingsobst / Süßigkeiten
  • Hörspiele / Playlists deiner Lieblingsmusik
  • Massageöl* (los, Papa!)
  • Handcreme – die Hände sind oft trocken
  • Wickelzeug (manchmal muss es schnell gehen)
  • Schnuller* – habe ich Merlin einen Tag nach der Geburt angeboten, hat mich beim Dauerstillen gerettet
  • alkoholfreies Weißbier – milchbildend und nahrhaft
  • Gymnastikball* – entspannend für Mama und tolle Einschlafhilfe fürs Baby, wenn ihr darauf wippt. Achtete auf die richtige Größe. Die Hebamme kann da helfen
  • Umstands-Jogginghose- und Jacken – ich hatte diese*
  • Federwiege* und Babytrage* / Tragetuch* – es gibt Kinder, die sich dort am besten beruhigen lassen!
  • Papa und Mama (wenn sie mag) brauchen auch mal einen Tag off – Freunde oder Familie einspannen!
  • Wer keine Unterstützung hat, kann sich an die Organisation Wellcome mit deutschlandweit  250 Standorten wenden (auch in Österreich und der Schweiz verfügbar!) : hier bekommt ihr für wenig Geld Unterstützung für Zuhause. Wir haben es genutzt und sagen Danke an Wellcome und Elisabeth!
  • Yoga- oder Gymnastikmatte* für die ersten Rückbildungsübungen – wenn euch danach ist
  • Ruhe, Ruhe, Ruhe. Ihr müsst nichts. Vor allem keine Erwartungen erfüllen. Ihr dürft mit eurem Baby sein. Mehr nicht

 

Links zum Thema:

 

 

Kleine Bücherauswahl fürs Wochenbett

 

… und am besten einen Roman, in dem garantiert kein Baby vorkommt. Ob ihr das aushaltet? 😉 Eine kleine Empfehlung gibt es hier*.

 

Das Wochenbett ist so einzigartig wie jede Familien-Konstellation. Es gibt kein falsch, kein richtig. Mir hat der Raum und die Zeit geholfen, die wir dafür eingeräumt haben. Darin durfte sich alles entwickeln und wir haben versucht, den natürlichen Lauf nicht zu stören. Das ist uns mal mehr, mal weniger geglückt. Wie war es bei euch? Was wünscht ihr euch für euer Wochenbett? Es ist eine sehr intime Zeit und wir danken euch jetzt schon für eure Bereitschaft, eure Erfahrungen und Gedanken dazu mit uns zu teilen. Keine Selbstverständlichkeit.

Tanja Conrad

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