Leben mit Kindern: Merlin & der erste Tod

Kinder und Tod – wie erklären?

Kinder und Tod – ich dachte, dass es noch eine Weile dauert, bis mein Sohn Merlin seine ersten bewussten Erfahrungen mit dem Tod machen würde. Ich ahnte nicht, dass ihn das Ende des Lebens schon mit zwei Jahren beschäftigen sollte. Angefangen hat alles an diesem einen, sonnigen Nachmittag …

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Gemütlich schlendern wir durch das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Um den kleinen, schicken Kurort mit Reetdachhäusern und Neubaugebieten schlängelt sich die Lüneburger Heide, die das Dörfchen alljährlich mit Touristen füllt. Wir, meine Mutter, ihr Freund, Merlin und ich drehen eine Runde durch das Dorf, das vor einiger Zeit einen Naturpfad spendiert bekommen hat.

Da sind zwei Vögel aus dem Nest gefallen. Das war wohl der Regen. Jetzt sind sie tot.

An Ende des Pfads finden wir zwei winzige, nackte, leblose Körper. Merlin schaut die kleinen Vögel mit aufgerissenen Augen an. „Aber die müssen zum Tierarzt!“ ruft er. “ Der Tierarzt muss ihnen helfen!“ Mein Stiefvater kommt mir abermals zuvor. „Denen kann man nicht mehr helfen, die sind tot.“

Wie gehe ich mit der Situation um?

Mir bleiben ein paar Sekunden, um mir eine Strategie zurecht zu legen, einen Weg zu wählen, meinen Sohn adäquat in seinem Schmerz zu begleiten. Ich entscheide mich, auf mein Gefühl zu hören, angelehnt an meine Überzeugung, mein Kind nie anzulügen, seine Empfindungen nicht „wegmachen“ zu wollen und seinen Schmerz mit ihm auszuhalten.

Du möchtest gern, dass der Tierarzt den Vögeln hilft? Das verstehe ich.

Ich nehme meinen Jungen in den Arm und erkläre ihm, dass wir Menschen nicht alles heil machen können. Und dass Menschen und Tiere nicht kaputt, sondern tot seien. Das schien mir an Erklärungen genug. Den ganzen Weg bis nachhause sind die Vögel das einzige Thema. Vor dem Einschlafen kann Merlin an nichts anderes denken.

Da sind zwei kleine Vögel aus dem Nest gefallen, Mama. Das ist blöd!

Diese Nacht hat er keine Alpträume, die quälen ihn ohnehin sehr selten. Aber kaum, dass er die Augen morgens aufgeschlagen hat, geht es wieder um die Vögel. Wochenlang sind sie der Fixpunkt seiner Gedanken, Gefühle und Überlegungen. Er erzählt allen Menschen in seinem Umfeld von den zwei Vögeln.

Die zwei Vögel sind tot. Der Tierarzt kann sie nicht mehr gesund machen.

Einige Wochen später ändert sich der Tenor. Merlin versteht, so gut es ein Zweijähriger fassen kann, dass Leben endlich ist. Mit jedem unserer Gespräche, mit jedem Teilen seines Erlebnisses und seiner Gefühle mit anderen, sickerte ein Stückchen der Erkenntnis in sein Bewusstsein. Ich erinnere mich gut an den Ausdruck seines Gesichts, als er verstand, dass kein Tierarzt den Vögeln mehr helfen kann. Er war einen Moment ganz ruhig, schaute mich direkt an, bevor er mir erklärte, dass die Vögel nun tot seien: Genau so spreche ich, wenn mir schlagartig etwas klar wird, wenn sich diffuse Eindrücke zu einer klaren Wahrheit verdichten. Ich empfinde solche Momente als sehr entlastend.

Unterschätzt

Ich glaubte, dass auch Merlin entlastet wäre, jetzt, wo er seinen Konflikt in eine Erkenntnis transformieren konnte. Ich rechnete nicht damit, das auch diese Erkenntnis Folgen haben würde – schließlich veränderte sich seine innere Repräsentation der Welt, wurde erheblich komplexer.

Komplikationen

Juni 2017 – Merlin möchte nicht mehr in die Kita gehen. Für uns kam seine Weigerung, in der Kita zu bleiben, überraschend. Wir konnten uns den Sinneswandel nicht erklären. Merlin wurde nach dem Berliner Modell über fünf Wochen eingewöhnt, liebt seine Bezugs-Betreuerin und schenkt uns morgens maximal einen flüchtigen Abschiedskuss und meistens nur ein Winken über die Schulter. Wenn wir ihn abholen, läuft er uns über das ganze Gesicht strahlend in die Arme. Etwas besonderes war in der Kita auch nicht vorgefallen, soweit wir das überschauen können.

Was war geschehen?

Merlin weinte bitterlich, wollte über drei Wochen regelmäßig wieder mit nachhause gehen. Weil ich weiß, wie sich Verzweiflung anfühlen kann, nahm ich ihn viele Male wieder mit nachhause. Ich glaube nach wie vor, damit die richtige Entscheidung getroffen zu haben – es war eine intuitive, da mir damals noch nicht klar war, warum Merlin die Trennung plötzlich nicht mehr akzeptieren konnte.

Tipp: Lasst euch eure Gefühle nicht ausreden, liebe Mamas und Papas! Ihr kennt eure Kinder am besten und könnt intuitiv einschätzen, was sie brauchen. Das heißt nicht, dass es nicht klug wäre, den Erzieherinnen, wenn ihr ihnen vertraut, zuzuhören. Sie können wichtige Impulse geben und es wäre schade und manches Mal verhängnisvoll, nicht auf ihr Wissen zurückzugreifen.

Eine Frage der Geborgenheit, nicht der Beruhigung

Die Betreuerinnen versicherten mir, dass sie Merlin beruhigen würden und ich gehen könne. Auch, wenn ich davon überzeugt war, dass ihnen das gelungen wäre, habe ich Merlin meistens wieder mit nachhause genommen. Ich spürte, dass es hier nicht ums Beruhigen, sondern um etwas essentielles ging. Etwas in Merlin wollte gesehen, ein Schmerz erkannt und benannt werden. Es ging um sein Bedürfnis nach Geborgenheit, das ihm zu dieser Zeit nur Mama und Papa geben konnten.

Sterben und Tod – etwas alltägliches?

Eines Nachmittags verletzte unsere Hündin eine junge Amsel, die ausgerechnet in unserem Garten ihre Flugübungen machte. Das Tier war so schwer verletzt, dass Andreas es töten musste. Übrigens: Die Tierärztin des Dachauer Tierheims, über das ich demnächst schreiben werde, rät, verletzte Tiere immer zum Tierarzt zu bringen, um sie dort versorgen oder im schlimmsten Fall einschläfern zu lassen.




Das richtige Maß, den richtigen Weg finden

Merlin fragte noch einmal nach dem Tierarzt für die Amsel. Ich erklärte ihm, dass sie zu schwer verletzt ist und sterben würde. Ich erklärte ihm nicht, dass Papa sie mit einer Schaufel erschlagen hat – auch, wenn Merlin ein kluger Junge ist, so hat er wie alle anderen Kinder eine verletzbare Seele, die beschützt werden muss. Wenn ich spüre, dass er soweit ist, werde ich ihm auch das erzählen – oder wenn er mich fragt. Meine Aufgabe ist es, kind- und altersgerechte Wege zu finden, meinem Jungen eine wahrhaftige Gefühls- und Verstandessicht auf Dinge, Menschen, Situationen und auf das zwischenmenschliche Wechselspiel von Ursache und Wirkung zu ermöglichen.

Tiere sterben – Menschen auch?

Juli 2017 – Merlin ist einen ganzen Tag in der Kita geblieben. Wir hatten mittlerweile entschieden, dass wir die Betreuungszeiten verkürzen und mehr Mama- und Papazeit ermöglichen wollen. Heute Morgen konnte ich Merlin problemlos in der Kita lassen. Es schien, als würde sich die Situation entschärfen. Auf dem Nachhauseweg blieb er unvermittelt stehen, sein Händchen in meiner Hand, schaute mich an und stellte die Frage, die Licht in mein ganz persönliches Dunkel brachte.

Der Papa ist nicht gestorben, Mama?

Mosaik mit vielen Steinchen …

Ich kniete mich vor mein Kind, weil ich ihm auf Augenhöhe entgegentreten wollte und nahm es in den Arm. Ich schaute ihm in die Augen und versicherte, dass der Papa lebt und am Abend wieder nachhause kommt. „Ok.“ sagte der große kleine Junge, lachte und lief weiter in Richtung Spielplatz. Plötzlich machten viele Begebenheiten und Details der letzten Monate Sinn. Auch die plötzliche, unerklärliche Panik vor dem Kanufahren. Noch vor kurzem stieg Merlin beherzt in so ein Ding und paddelte, wieder er es bei uns anderen sah. Schon im Bus erklärte er, dass er auf keinen Fall in ein Kanu steigen möchte. Ich glaubte, dass ich das „schon irgendwie regeln“ könnte. In dem Moment, als es dann losgehen sollte, schrie mein Junge voller Panik. So, wie er weinte, wenn ich ihn in der letzten Zeit in der Kita zurücklassen wollte.

Wenn ich ihn jetzt zwinge, war es das mit dem Kanufahren für ihn. Und vielleicht auch mit dem Vertrauen in seine Eltern.

Wir kauften uns ein Eis und fuhren zurück zum Campingplatz – während die anderen drei herrliche Kanustunden verbrachten. Es war die richtige Entscheidung. Offensichtlich reiften gerade grundlegende Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Seins in dem Kind. Er begann zu begreifen, dass Dinge und vor allem Menschen weg sein, bestimmte Ereignisse Folgen haben können – wie zum Beispiel der starke Regen die kleinen Vögel aus dem Nest katapultiert hatte.

Die wahren Gründe dahinter

Merlin sah das Wasser als Bedrohung. Etwas in ihm nahm vielleicht an, das Boot könnte kippen. Oder er bekam Angst vor der starken Strömung. Vielleicht hörte er auch genau zu, als die Kanu-Frau vor Lebensgefahr warnte, wenn wir ein bestimmtes Wehr hinabführen. Ich kann all das nicht mit Sicherheit sagen. Was ich weiß: Ich habe Merlins Einsichten und Erkenntnisse unterschätzt. Ich habe nicht gesehen, dass Erkenntnisse immer Folgen haben, eine innere Dynamik entwickeln, die wir als Eltern in diesem Kindesalter kaum vollständig ergründen können. Das einzige, was wir tun können ist wachsam sein. Da sein, wenn die Kinder aus ihren Gedanken und Gefühlen Widersprüche ableiten oder Fehlkonklusionen entstehen.

Dem eigenen Wissen verpflichtet

Ich bin stolz auf mich, dass ich auf mein Gefühl gehört und Merlin immer wieder, bis auf zwei Male, aus der Kita mit nachhause genommen habe, als er nicht bleiben wollte. Und ich bin froh, dass ich ihn zu meinen eigenen Ungunsten nicht versuchte zu überreden, Kanu zu fahren. Überreden ist nichts anderes, als den anderen zu nötigen, seine Gefühle zu unterdrücken. Nein, danke. Das haben mein Bruder und ich in unserer Kindheit zur Genüge erlebt. Ich weiß es heute besser und würde mich schuldig machen, wenn ich nicht nach diesem Wissen handeln würde.

Von Beerdigungen & Trauerritualen

Wenn ich zurückblicke, würde ich eines allerdings anders machen: Heute würde ich die Vögel gemeinsam mit Merlin begraben. Sie bekämen ein Kreuz und auch ein Lied von mir oder uns. So hätte es einen Ort gegeben, zu dem Merlin hätte gehen können, um vielleicht Zwiesprache mit den Tieren zu halten oder sie an einem sicheren Platz verortet zu wissen. Ich persönlich habe nie gedacht, dass ein Grab und Trauerrituale so heilsam sein können – bis ich in Armenien die erste Leiche auf einem Wohnzimmertisch aufgebahrt sah, selbst Trauerwache hielt und der Abschied auf diese Weise greifbar wurde. Meinen Vater habe ich mit 21 Jahren in Spanien begraben lassen und bis heute wünschte ich, ihn noch einmal tot gesehen zu haben – denn etwas in mir wird nie ganz glauben können, dass er nicht mehr da ist. Mehr zum Thema Trauern liest du in meinem Artikel Missed Abortion – ein Erfahrungsbericht mit Happyend.

Kinder und Tod – können Bücher helfen?

Bei der Recherche zum Thema stieß ich auf fünf Bücher, die mir hilfreich erschienen. Eines davon, Adieu, Herr Muffin*, ist vom Beltz-Verlag, einem meiner Lieblings-Verlage. Heute saßen wir auf der Terrasse und ich las es meinem kleinen Zauberer vor. Auch, wenn mir persönlich das Buch gefällt, es den Tod und das Sterben liebevoll und ohne Tand verdeutlicht: Der Funke ist bei Merlin nicht übergesprungen. Vielleicht ist der Tod gerade einfach nicht „dran“. Vielleicht genügt es der kleinen Kinderseele, was sie bis dato dazu gelernt hat und verarbeiten muss. Ich werde das Büchlein also in den Märchenwald, so nennen wir Merlins Büchersammlung, einreihen und warten, wann er selbst danach verlangt oder der Tod wieder eine Rolle spielt in seinem und damit unserem Leben.

Kinder und Tod – ein berührendes Kinderbuch zum Thema

Sehr einfühlsam geschrieben und gezeichnet finde ich das Kinderbuch Der Baum der Erinnerung*. Hier geht es um einen Fuchs, der sich zum Sterben in den Schnee legt. Der Fokus liegt weniger auf dem Sterben, als auf der Trauerarbeit. Auch dieses Buch empfehle ich gern – obwohl ich es Merlin erst einmal nicht vorlese – aus bereits genannten Gründen.

Vorbereitung oder Intuition?

Wer von euch nicht wie ich vom Blitz getroffen werden möchte von dem Thema Kinder und Tod, dem rate ich zu einer Prise Eltern-Lektüre. Ich habe ein paar Buch-Vorschläge zusammen gestellt, die euch unterstützen können, in Ruhe zu entscheiden, wie ihr mit dem Thema Kinder und Tod umgehen möchtet. Ich arbeite jetzt nach – sicher wird es noch viele Situationen geben, in denen ich dankbar sein werde für die Erfahrungen und das Wissen anderer. Nur den Schmerz kann einem niemand nehmen. Da müssen wir alle durch. Oder kann ich, in Anbetracht einer Freiheit, die unsere Eltern und Großeltern nicht hatten, DÜRFEN sagen?

Kinder und Tod – meine Buch-Empfehlungen

Tabuthema Trauerarbeit*

• Kinder trauern anders*

• Adieu, Herr Muffin*

Der Baum der Erinnerung*

Danke, liebe Anja!

Anja von Kellerbande hat das brandneue, psychologisch fundierte Sachbuch Wie Kinder trauern* entdeckt. Danke, Anja, für diesen super Tipp. Ihre Rezension lest ihr hier. Und wenn ihr wissen möchtet, wie es bei uns mit dem Thema weitergeht, schaut in der Risky Week 31 vorbei.

Wie hast du den ersten Kontakt deines Kindes mit dem Tod erlebt? Hast du dich vorbereitet oder kannst du dich bei solchen Themen blind auf deine Intuition verlassen? Welche Haltung zu Tod und Sterben möchtest du deinem Kind vermitteln? Das sind viele, nicht leicht zu beantwortende Fragen. Ich würde mich  freuen, etwas über deine Sicht und deine Gefühle zum Thema Kinder und Tod zu erfahren. Ich bin mir sicher, dass du Dinge weißt oder erlebt hast, die ich nicht kenne, von denen ich nichts weiß. 

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Tanja Conrad

4 Comments

  1. Anja von der Kellerbande 3. August 2017

    Vielen Dank fürs Verlinken.

    Für mich war das Buch eine Erleichterung und Hilfestellung um altersgerecht das immer wiederkehrende Thema Tod mit den Kinder „durchmachen“ zu können.

    Schön dass du daran gedacht hast.

    Jeder reagiert auf seine eigene Art und geht mehr oder weniger sensibel damit um.

    Bald erscheint eine weitere Buchbesprechung zum Thema Kinder und deren Fragen zum Tod. Schaut gern vorbei.

    Lg Anja von der Kellerbande

    1. Tanja Conrad 7. August 2017

      Das mache ich gern. Gerade gestern haben wir eine tote Ratte gefunden – die musste ich dann für Merlin beerdigen. Das nächste Mal darf er das selbst tun, wenn er mag. So geht es immer weiter, bis sich ein Konzept von Tod und Sterben in das kleine Köpfchen gebrannt hat. Ist ja selbst für uns Erwachsene ein schwer zu greifendes Thema. Gerade deshalb bin ich froh über gute Bücher dazu.

      Liebe Grüße!

      Tanja

  2. Claire 8. August 2017

    Liebe Tanja,
    ein sehr schöner Artikel, sehr emotional! Und vielen Dank für die tollen Tipps und Einsichten, die mich den gestrigen, zugegeben nervigen Abend (eigentlich war nur ich genervt und habe mich unnötig aufgeregt) mit meinem nicht schlafen wollenden Sohn aus einer anderen Perspektive sehen und mich vielleicht das nächste Mal anders reagieren lassen.
    Liebe Grüße von Deiner Nachbarin

    1. Tanja Conrad 8. August 2017

      Liebe Claire,
      deine Worte berühren mich – danke, dass du deine Gedanken mit mir teilst. Für mich gehört das zu den größten Geschenken, die Menschen einander machen können.<3

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