Langzeitreisen mit Kind – anderthalb Jahre unterwegs

Langzeitreisen mit Kind – Kindefüsse auf Landkarte

Langzeitreisen mit Kind – Hanna Bose vom Familien-Blog Rubbelbatz hat damit Erfahrung. Anderthalb Jahre war sie mit Mann und Sohn unterwegs, bevor die Familie wieder sesshaft wurde. In ihrem Gastartikel für NoRisk. NoMum. beschreibt Hanna, wie sich das Langzeitreisen auf ihr Kind ausgewirkt hat und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es dazu gibt. Ob sie anderen Eltern diesen Weg empfiehlt? Lies selbst.

Langzeitreisen mit Kind – meine persönliche Erfahrung

In den Monaten, bevor unser erster Sohn zwei wurde, lösten wir unsere Wohnung in Berlin auf, packten unsere Sachen und verließen zu seinem zweiten Geburtstag die Stadt. Erst, als er 3,5 Jahre alt war, wurden wir wieder sesshaft. Zunächst verbrachten wir 9 Monate bei meinen Eltern in Bayern. Wir kündigten unsere Jobs, ließen eine einzige Kiste mit Habseligkeiten zurück und machten uns mit einem 100-Liter-Wanderrucksack, einem Handgepäcksrucksack und einem kleinen Rucksack auf in die weite Welt. Rückkehr ungewiss.

Erster Stopp – Bali

Unser erster Stopp war Bali, Indonesien. Unser Visum dort war für 6 Monate genehmigt. Zeitverschiebung: 6 Stunden. Flugzeit: 18 Stunden. Insgesamt waren wir von Haustür zu Haustür etwa 24 Stunden unterwegs. Mit hochaktivem Kleinkind eine echte Tortur – für alle Anwesenden! Mit Videos und Kinderapps hielten wir uns einigermaßen über Wasser.

Umgewöhnung an das Reiseleben – für das Kleinkind problemlos

Dort angekommen erwartete uns eine völlig neue, unbekannte Stadt. Wir verbrachten die ersten Wochen in Denpasar und gewöhnten uns allmählich an das neue Leben. Für den 2-Jährigen schien das überhaupt kein Problem zu sein. An neue Umgebungen, Menschen und Gegebenheiten passte er sich völlig mühelos an. Ohne Rückfragen. Er reagierte zwar sehr sensibel auf Stimmungsschieflagen unsererseits, doch solange wir entspannt waren, war er es auch.

Plötzliche Trennung von den Großeltern

Wir hatten ein wenig Sorge gehabt, dass ihm die plötzliche Trennung von den Großeltern zusetzen würde. Doch während er anfangs noch häufiger sagte, er wolle zurück zu Oma und Opa, hörte das nach spätestens zwei Wochen komplett auf. Er begann, seinem Charakter entsprechend, die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu genießen. Insgesamt waren wir über vier Monate in Ubud. Von dort aus machten wir immer mal wieder Urlaub am Strand. Für ihn war es überhaupt kein Problem, plötzlich in einem Hotelzimmer zu schlafen, wieder ein neuer Pool, wieder alles anders. Das alles wurde für ihn schneller zur Selbstverständlichkeit, als wir Langzeitreisen sagen konnten.

Langzeitreisen mit Kind – mit 3 Jahren ändern sich die kindlichen Bedürfnisse

Als wir nach 6 Monaten nach Thailand weiter flogen, war ich schwanger. Das hatten wir uns zu diesem Zeitpunkt zwar gewünscht, allerdings war das nicht geplant, als wir Deutschland verlassen hatten. Dass es ab der 18. Schwangerschaftswoche immer wieder zu Blutungen kam, war nur einer der Gründe für uns, nach Hause zu fliegen.

Langzeitreisen mit Kind – ein Junge läuft zwischen Reisfeldern.
Langzeitreisen mit Kind – der zweijährige Sohn passte sich mühelos an das neue Land und die Menschen dort an.

Die ständigen Abschiede von anderen Kindern waren zunächst kein Problem

Der zweite Grund war unser Kleinkind. Viele Monate hatte er einfach in den Tag hinein gelebt. Er war zufrieden, wenn er Mama und Papa und eine Gelegenheit zum Spielen – sehr gerne auch andere Kinder – hatte. Was mit den Kindern war, wenn sie nicht mehr um uns waren, schien ihn nicht zu beschäftigen. Er lebte ausschließlich im Hier und Jetzt und gewöhnte sich schnell an neue Orte und Menschen.

Mir wurde klar, dass unser Sohn langsam mehr brauchte als nur Mama und Papa und ein Dach über dem Kopf. Er wollte Kontinuität. (Hanna Bose, Bloggerin von Rubbelbatz) 

Doch auf unserer Weiterreise nach Malaysia fiel mir auf, dass sich etwas verändert hatte. Viele Tage noch, nachdem er am Flughafen einige Stunden mit einem malaysischen Kind verbracht hatte, dachte er noch an ihn. Wollte wissen, wann wir ihn wiedersehen würden. Immer mehr Kleinigkeiten machten mir klar, dass unser Kind nun langsam mehr brauchte, als nur Mama und Papa und ein Dach über dem Kopf. Er wollte Kontinuität. Echte Kontakte und Freundschaften.

Langzeitreisen mit Kind – Abbruch der Reise

Wir brachen unsere Reise also ab und flogen zurück nach Deutschland. Diese Entscheidung habe ich, auch wenn ich das Reisen wahnsinnig vermisse, bis heute nicht bereut. Er geht hier in den Kindergarten, hat Freunde und einen geregelten Tagesablauf. Seine Großeltern gehören für uns zur Kernfamilie, wohnen nur im Haus gegenüber auf dem Hof.

Das sagen Psycholog*innen und Entwicklungsforscher*innen zu Reisekindern

Ich habe mich schon häufiger gefragt, ob unsere Erfahrungen eigentlich typisch sind für Kinder, die im Kleinkindalter längere Reisen unternehmen. Und natürlich habe ich mir auch Gedanken gemacht, wie sich das langfristige Reisen auf Kinder auswirken kann.

Langzeitreisen mit Kind – etwas anderes als klassischer Urlaub

Es geht hier ja schließlich nicht um eine klassische Urlaubsreise, acht Wochen Elternzeitreise oder ein paar Wochen bei den Großeltern auf dem Land. Darüber lese ich immer wieder, welche Vorteile Reisen für Kinder hat. Aber Langzeitreisen mit Kindern? Darüber habe ich wenig gefunden.

Echte Freundschaften frühestens mit 3 Jahren

Ich musste nicht viel Literatur wälzen, um folgendes herauszufinden: Das Alter, in dem ich bei meinem Sohn diese Veränderung seiner Bedürfnisse bezüglich konstanter Spielpartner wahrgenommen habe, passt zu den allgemeinen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie. Erst im Alter von 3-4 Jahren sind Kinder in der Lage, echte Beziehungen und echte Freundschaften zu knüpfen. Vorher freuen sie sich zwar häufig, andere Kinder zu sehen und zu beobachten, aber die Kontakte sind relativ austauschbar.

Langzeitreisen mit Kind wie Umzug mit Kind

Langzeitreisen, Weltreisen, Digitales Nomadentum, ortsunabhängiges Leben – wie auch immer man es nennen mag. Für kleine Kinder ist es im Grunde vergleichbar mit einem Umzug. Denn selbst, wenn man am Ende wieder in das alte Zuhause zurückkehrt: Kinder entwickeln sich in diesem Alter so schnell und vergessen gleichzeitig viele der alten Erfahrungen, dass mit einigen Monaten oder sogar Jahren das Zuhause genauso neu und unbekannt ist wie die Ferienwohnung in Südostasien.

Langzeitreisen mit Kind – Kind spielt am Strand.
Langzeitreisen mit Kind – was gibt es Schöneres für Kinder, als jeden Tag im Sand spielen zu können?

Häufige Umzüge können zu psychischen Problemen führen

Das heißt, die Frage, mit der ich mich beschäftigen darf, ist: Wie sehr schaden Umzüge in sehr früher Kindheit? Eine Studie aus dem Jahr 2010 gibt eindeutige Antworten: Je häufiger Kinder umziehen, desto höher ist das Risiko, dass sie später unter psychischen Problemen und Unzufriedenheit leiden.

Alter und Persönlichkeitstyp machen den Unterschied 

Das hört sich erst einmal furchtbar an! Allerdings differenziert die Studie auch zwischen verschiedenen Persönlichkeitstypen. Und während sehr introvertierte Charaktere unter den beschriebenen Spätfolgen zu leiden hatten, schienen häufige Umzüge in der Kindheit für extrovertierte Menschen wenig problematisch. Grund sind vermutlich die sozialen Veränderungen, die mit einem Wohnortwechsel einher gehen. Introvertierten Kindern fällt es schwerer, dann wieder neue Kontakte und Freundschaften zu knüpfen, ihr gesamtes Sozialverhalten leidet.

In der Pubertät wollen Kinder nicht umziehen

An der University of Manchester fanden Forscher sogar heraus, dass sich mit jedem Umzug in der Kindheit das Risiko erhöht, später gewalttätig, psychisch krank oder drogenabhängig zu werden. Doch auch hier gibt es Entwarnung für das Reisen mit Kleinkindern: Je älter die Kinder in dieser Studie waren, desto schlimmer wirkte sich ein Umzug aus. Am schlimmsten war er für Kinder im Alter zwischen 12 und 14 Jahren – also mitten in der Hochphase der Pubertät.

Langzeitreisen meist mit positiven Entwicklungen in der Familie verbunden

Und einen großen Unterschied zwischen „normalen“ Umzügen und dem Langzeitreisen gibt es natürlich. Umzüge in eine andere Stadt oder eine andere Gegend haben in vielen Fällen weitere negative Begleiterscheinungen. Die Eltern haben sich vielleicht getrennt, haben finanzielle Probleme oder einer der Elternteile musste die Arbeitsstelle wechseln. In den meisten Fällen sind Eltern nicht entspannt und glücklich über einen Umzug – was sich auch auf die Kinder auswirkt.

Durch das Langzeitreisen hatten wir viel mehr Zeit und Ruhe für unser Kind. (Hanna Bose)

Wer auf Weltreise geht oder, wie wir, seine Wohnung in Deutschland aufgibt, der macht das in aller Regel mit großer Vorfreude und Begeisterung. In unserem Fall bedeutete der „Umzug“ nach Südostasien, dass wir viel mehr Zeit und Ruhe für unser Kind hatten. Wir waren begeistert und neugierig auf all das neue – und so war es auch unser Sohn. Wie oben beschrieben hing sein Gefühlszustand anfangs 1:1 an unserem. So ist das bei kleinen Kindern in aller Regel. In den ersten 2-3 Lebensjahren, das wissen wir aus der Entwicklungspsychologie, sind vor allem stabile, positive Bindungen zu Bezugspersonen wichtig.

Was es bei Langzeitreisen zu bedenken gilt

Wer also mit Baby oder Kleinkind eine längere Weltreise, dauerhaftes Nomadentum oder einen vorübergehenden Umzug ins Ausland plant, der sollte meiner Meinung nach folgende Punkte bedenken:

  • Wie alt ist das Kind? Je älter ein Kind, desto fester ist es sozial in der Heimat verwurzelt. Ich habe selbst bei anderen Reisefamilien gesehen, wie nachhaltig wütend und verzweifelt pubertierende Kinder über den Verlust von Heimat und Freunden sein können. Babys und Kleinkinder schienen dagegen vor allem positiv über das Reisen zu denken.
  • Extrovertiert oder introvertiert? Hat Dein Kind Freude daran, sein Umfeld zu entdecken, Neues zu beobachten und ungewohntes Essen zu probieren? Fällt es ihm leicht, zu fremden Menschen Kontakt aufzunehmen oder braucht es sehr lange?
  • Wie belastbar sind die Erwachsenen? Wie stehen Du und Dein Partner zu den Plänen und Veränderungen? Ist zu erwarten, dass es Streit, Stress und andere Belastungen bei euch gibt? Wie viel Freude habt ihr tatsächlich am Reisen?
  • Wie viel Zeit und Ruhe habt ihr unterwegs? Musst Du arbeiten, ein Haus einrichten oder irgendeine soziale Aufgabe erfüllen? Oder bedeutet das Reisen auch, dass Du Dir mehr Zeit für Dein Kind nehmen kannst?

Wir hatten auf Reisen weniger Besitz, weniger Platz, weniger Luxus – dafür auch weniger Belastungen, weniger Stress, weniger zu organisieren und zu erledigen. (Hanna Bose)

Langzeitreisen mit Kind – Fazit

Ich persönlich hatte nicht den Eindruck, dass die Reise meinem Kleinkind in irgendeiner Weise geschadet hat. Im Gegenteil. Unser Alltag wurde dadurch viel harmonischer, stressfreier und voller Lebensfreude. Das Leben in Südostasien war einfach in jedem Sinne: Wir hatten dort weniger Besitz, weniger Platz, weniger Luxus – dafür auch weniger Belastungen, weniger Stress, weniger zu organisieren und zu erledigen. Wenn mich jemand fragt, ob ich Langzeitreisen mit Kind empfehlen würde, lautet die Antwort trotzdem immer: Kommt darauf an. Ich denke nicht, dass sich eine Antwort für jede Familie und jede Situation geben lässt.

Hast du mit deinem Kind schon einmal eine längere Reise unternommen? Wie habt ihr sie erlebt? Wir freuen uns, wenn du uns von deinen Erfahrungen berichtest, schreib’ uns gern.

Eure RiskyMums Anne & Tanja

Wir danken Hanna Bose vom Blog-Magazin rubbelbatz für diesen inspirierenden Artikel und die angenehme Zusammenarbeit. Schaut gern in Hannas Magazin vorbei. Wir lesen dort gern und oft.

Coming soon …

Hanna und Familie sind vor der Pandemie auf Langzeitreise gegangen. Inzwischen haben wir Covid-19, weshalb viele Familien in diesem Jahr nicht in den Urlaub gefahren sind. Anne erzählt in ihrem nächsten Artikel am Freitag, wie sie sich den Garten gestaltet haben, so dass sie auch hier mit Kind einen schönen Sommer verbracht haben. Stay tuned!

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Über Tanja Conrad

Tanja Conrad

Nach 20 Jahren auf der Theaterbühne wurde ich Mutter und studierte Journalismus und Medienmanagement. Heute schreibe ich u. a. für Der Spiegel als freie Kultur,- Reise- und Gesundheitsjournalistin. Ich arbeite als Konzertsängerin und singe mit Kindern. Meine Keynotes, Workshops und Fortbildungen zum Singen mit Kindern richten sich an Eltern und Pädagog*innen. Meine Leidenschaft: Familie, Schweden, Hunde, Yoga, Green Living, Camping.