Kindererziehung – sowas lern‘ ich im Zug!

Kindererziehung – Merlin schläft auch von allein.

Kindererziehung – bevor ich Mutter wurde, war die Sache klar. Erziehungsmethoden müssen funktionieren, Kinder sowieso. Als ich neulich im Zug saß, hat mir ein einziger Moment meine alten Glaubenssätze um die Ohren gehauen. Lehrmeister: Merlin, der Zauberer. 

Wie geht Kindererziehung? – Mit Ohropax!

Ich gehe sechs, sieben Jahre zurück. Für mich war Zug fahren ohne Ohropax undenkbar. Ich will meine Ruhe haben – Kindergeschrei ist das letzte, was ich toleriere. Seit ich auf die Idee mit den Stöpseln kam, habe ich mir aufreibende Diskussionen mit überforderten Müttern von unerzogenen Kindern zumeist gespart. Dieses ewige Hin- und Herlaufen, das Gequietsche und die klebrigen Hände mit Bananen- oder Sonstwasresten dran: Bäh! Manchmal habe ich keine Lust, acht Stunden nonstop meinem eigenen Blut beim Fließen zuzuhören. Ich sorge für Ruhe, indem ich rummotze, im Feldwebel-Ton drohe, die Wurst zu entsorgen, wenn das Kind damit weiterhin meinem Sitz patiniert. Kurz: Ich schaffe mir Respekt bei den kleinen Tyrannen und ihren hilflosen Hausfrau-Müttern.

Kindererziehung: Hochkultur gegen Trotzphase

Ich lese leidenschaftlich gern im Zug, studiere lauthals meine Noten und singe mich ein, wenn der Zeitplan außer Kontrolle gerät. Es ist mir schleierhaft, weshalb mich böse Blicke, Zetern und ganze Abteil-Revolten treffen. Das ist Hochkultur, weit entfernt von Ruhestörung!

Diese Übermütter – eine strenge Erziehung muss her!

Besonders grässlich finde ich diese Mütter, die ihre Mutterschaft wie das Schwert der Jeanne d’Arc vor sich hertragen. Sie erwarten, dass alle beim Erblicken des kostbar-bedrohlichen Kinder-Guts in die Knie gehen. Gibt’s doch wohl nicht! Wieso soll der Stress einer Mutter oder eines Vaters (die Männer fangen auch schon an!) schwerer wiegen als meiner? Besonders im Zug treffe ich auf schlimme Exemplare. Wer nicht sofort Platz macht, wenn das hochwohlgeborene Duo den Raum betritt, bekommt es nach verächtlichen Blicken mit der „Schlechtes-Gewissen-Keule“ zu tun. Zum Glück bin ich immun.

Kindererziehung: Jedes Kind kann schlafen lernen

Meine ehemaligen Stiefkinder sind zum Glück früh mit Baby Erziehung in Berührung gekommen. Mich faszinierte, dass sie nachts nie aufstanden. Sie wollten kein Wasser trinken, hatten keine Angst vor Monstern und schlichen sich höchstens leise und unbemerkt zur Toilette. Kein Wunder! Ihre Eltern hatten das Buch Jedes Kind kann schlafen lernen studiert und ihre Kinder erfolgreich geferbert. Das ist konsequente Erziehung! Solche Hilfen zur Erziehung wollte ich mir auch besorgen, wenn ich ein Kind bekommen würde.

Erziehungsberatung aus dem 20. Jahrhundert

Damals war ich Mitte, Ende dreißig und traute mich das erste Mal, ernsthaft über ein Kind nachzudenken und zu -fühlen. Ich merkte mir die wirksamen Kniffe und Tricks aus der Kindererziehung.  Grenzen zu setzen bei Kindern schien mir wichtig, um gut vorbereitet ins späte Mamaglück zu starten.

Kinder wollen keine Grenzen, Kinder wollen Kontakt. (Jesper Juul)

Sieben, acht Jähre später steige ich wieder in einen Zug. Der kam 20 Minuten zu spät und ist voll wie die A9 am Freitagnachmittag. Als wir, RiskyDad, Merlin und ich samt Gepäck eingestiegen waren, mussten wir warten. Die Leute finden ihre Plätze nicht, brauchten ewig, Sachen zu verstauen oder haben keinen Plan, wie wir einander effektiv aus dem Weg gehen. Nach anfänglichem Verständnis meckere ich ungeduldig, in vorwurfsvollem, leicht aggressivem Ton:

Würden Sie sich beeilen, ich möchte mein Kind endlich aus dem Gang bringen. Es will schlafen!

Ups. Die Mitfahrer reagieren nicht – oder so, wie ich damals, als mich die bösen Mamas mit ihrer Not belästigten. Wir brechen uns Bahn bis zum Eltern-Kind-Abteil, was vollgestopft ist mit jungen Menschen, die, wie wir, irgendwo sitzen und ankommen möchten. RiskyJeanne d’Arc holt unverhohlen ihr Schwert raus, um die Truppe ihrer Sitzplätze zu berauben. Sie leisten Widerstand! Unglaublich, wie können sie nur! Ich weise sie halbhöflich (oder halbunhöflich, je nach Perspektive) darauf hin, dass Eltern die Plätze für ihre Kinder und sich einfordern können.

So bettet weich das Prinzchen …

Als wir uns sortiert und die jungen Leute im rechten Teil des Eltern-Kind-Abteils zusammengerückt sind, kehrt Ruhe ein. Wir streiten noch kurz, wie ein gemütliches Zug-Bettchen sein muss, bevor wir Merlin auf sein Lager legen wollen. Ein Geheul ertönt, dass eine Feuerwehrsirene locker in die akustische Tasche steckt.

Nö, ich bin überhaupt nicht müde! Uäääääääää

Zuerst finde ich es eine gute Idee, dass sich Merlin zumindest hinlegt. Dann kommt mir ein Gedanke – und wenn wir ihn einfach für sich spielen lassen, bis er von selbst entscheidet, dass er schlafen möchte? Wir sagen ihm, er könne auf seinen beiden Sitzen spielen.

Ich möchte auf dem Boden spielen!

In diesem Moment klappt ein innerer Schalter um, eine Lampe geht an und spendiert mir klarere Sicht auf die Dinge: Wieso sollte ich mich nicht neu entscheiden, wenn es die Situation erfordert? RiskyDad starrt mich mit offenem Mund an.

Wow, und das von dir!

Er hat recht. Ich habe oft das Gefühl, mein Standing zu verlieren, wenn ich von meinen Vorstellungen abweichen soll.

Mir wird in diesem Moment bewusst, wie entlastend es für alle ist, wenn wir flexibel auf eine Situation reagieren, neu entschieden, ausprobieren. Und revidieren.

Und weil’s noch nicht reicht mit der Erkenntnis, sorgt ein zweiter Schalter dafür, dass ich mir die Situation von der Metaebene aus betrachte: Was hätte ich früher zu Eltern gesagt, die sich wie wir gerade drei Mal umentschieden haben und dabei ordentlich Lärm produzierten? Ihr könnt es euch denken. Wie tolerant, zuvorkommend und zivilisiert sind diese jungen Leute neben uns. Sie beschweren sich mit keinem Wort, räumen die Plätze und stören sich nicht am Conrad-Theater.

Sieben Jahre oder ein halbes Mamaleben

Sieben oder acht Jahre. Für mich fühlen sie sich wie die Hälfte meines Lebens an. Wie die Pubertät ist der Prozess des Mutterwerdens von Konzeption bis ungefähr zum vierten Lebensjahr des Kindes eine eigene Lebensphase. Nur in diesen Jahren (für Mutter, Vater und Kind) und während der Pubertät verändern wir uns so rasant und grundlegend. Wir lernen in einem Tempo, das wir ein ganzes Leben lang kaum durchhalten könnten, weder physisch noch psychisch.

Mama, change perspective!

Meine Vorstellung von der Welt und wie sie funktioniert hat sich durch das Leben mit Kindern vollkommen verändert. Ohropax habe ich im Zug nicht mehr dabei. Anderen Müttern helfe ich beim Einsteigen und teile mein Obst mit ihnen und ihren Kindern. Wenn die Kinder singen, schreien, in für mich unerreichbaren Höhen quietschen, ermuntere ich jede Familie, auf Kindererziehung zu pfeifen: Singen übt sich zuerst einmal durch schreien und quietschen!

Mütter sind nicht gefährlich, ich schade mir selbst

Ich verurteile Mütter nicht mehr, weil ich ihre Nöte jetzt verstehe. Überhaupt verurteile ich Menschen weniger als früher. Wenn ich es tue, bemerke ich es und kann entscheiden, ob ich mir das antun will.

Wer andere verurteilt, schießt gegen sich.

Traurig bin ich darüber, dass ich damals nicht verstand, was es bedeutete, dass die Stiefkinder „schlafen gelernt“ hatten. Durch das Schlaftraining ist ihnen abgewöhnt worden, aus Bindungssicht gut für sich zu sorgen. Wenn Kinder nachts aus ihren Bettchen steigen, etwas trinken oder auf die Toilette möchten, ist das nur ein anderer Ausdruck für „Ich brauche dich.“ Ihr Bindungssystem ist aktiviert und viele Kinder wissen, dass sie mit ihrer unverfänglichen Bitte eher gehört werden, als wenn sie weinen oder schreien. Die Stiefkinder fürchteten sich bestimmt wie alle Kinder in der magischen Phase vor Hexen und Trollen unter ihrem Bett. Da sie ihren Impuls abtrainiert bekommen haben, sich Sicherheit bei ihren Bindungspersonen zu holen, waren sie auf sich selbst gestellt und allein. Heute tut es mir Leid, dass wir sie nicht begleiten konnten. Heute tut mir vieles leid, was ich ihnen, wenn auch unwissend, angetan habe.

Kindererziehung: Comin‘ home

Merlin spielt noch eine Stunde für sich auf dem Boden des Zug-Abteils. Dann klettert er auf den Sitz neben mir und legt seinen Kopf in meinen Schoß.

Singst du für mich den Mond?

Nach zwei Strophen zweistimmigen Mondgesangs schläft der kleine Junge ein. Ein bisschen später legen wir ihn auf den Boden, wo er selig schlummert. Jetzt haben wir Zeit. Wir holen uns einen Wein aus dem Bistro mit dem guten Gefühl, für unsere Freizeit keinen zu hohen Preis gezahlt zu haben: Unser Kind zu etwas zu zwingen, weil wir unsere Interessen über seine stellen. Unser aller Interessen sind wichtig. Jeden Tag, jede Nacht versuchen wir, ihnen gerecht zu werden. Auch, wenn’s nicht immer gelingt: Der Zug nachhause hat uns heute ein gutes Stück weitergebracht.

Kinder müssen erzogen, gebogen und passend gemacht werden. So erinnern sie uns am wenigsten an den eigenen Schmerz, den uns Menschen in unserer Kindheit zugefügt haben. Wenn wir uns dem Schmerz öffnen, durchfühlen wir ihn und er wird gehen.

Bloggst du und hast Lust, deine Kolumne aus dem Leben mit Kindern bei mir zu verlinken? Ich freue mich auf deine Beiträge und den Austausch. Wenn du keinen Blog hast und gern eine Kolumne veröffentlichen willst, schreibe mir ein Mail. Vielleicht kannst du einen Gastbeitrag fürs Blog-Wohnzimmer schreiben. Wer ist dabei?

Deine RiskyMum Tanja

Tanja Conrad

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