Kinder Trauer – liebevoll & gewaltfrei begleiten

Kinder Trauer – Schatten und Licht wechseln sich ständig ab

Kinder Trauer – als Merlins Oma an den Folgen von Covid-19 starb, befasste ich mich wieder intensiv damit, wie Kinder trauern. Was ich dazulernte und wie uns unser Sohn in seiner Trauer verblüffte, habe ich in einem sehr persönlichen Artikel zusammengefasst. Inklusive Buch-Empfehlungen und Informationen zur Begleitung von Kindertrauer. Möge sie euch lange erspart bleiben.

Kinder Trauer um Oma

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. In Schutzanzüge, Masken und Brillen gehüllt wachten Merlins Vater und Opa an Omas Bett. Intensivstation. Covid-19. Sie würde sterben.

Dann sehe ich die Oma ja nie wieder! (Merlin, 5 Jahre)

Am Morgen darauf erklären wir Merlin, dass die Oma nun gestorben sei. Der Papa hatte ihre Hand gehalten, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Vor kaum drei Monaten hat das Kind miterlebt, wie seine Uroma in den Tod ging. Immer und immer wieder verlangte er nach dem Video, dass die tote Uroma zeigte. Mit jedem Mal schien es mehr anzukommen. Es erinnerte mich an das Erlebnis mit den toten Küken, die Merlin fand, als er kaum 2 Jahre alt war. Über Wochen fragte er nach dem Tierarzt. Bis er eines Tages für sich erkannte:

Mama, den Vögeln kann kein Arzt mehr helfen. Die sind tot.

Als wir ihm das erste Mal sagten, dass die Oma vielleicht stirbt, wollte er davon nicht viel wissen. Allerdings begann er, sich nach der Gesundheit der anderen Omas zu erkundigen. Er wollte in Erfahrung bringen, ob die auch das Coronavirus hätten und auch sterben würden. Das berührte uns.

Was tun wenn Kinder trauern ?

Als wir uns eingestanden hatten, dass Merlins Oma sterben würde, hatten wir nicht nur mit der Trauerbegleitung des Kindes zu tun. Auch wir spürten den Schmerz des Verlusts, der auch uns treffen würde. Mich traf er unerwartet heftig. Ein Grund mich zu fragen: Warum trauere ich eigentlich so scheinbar unverhältnismäßig? Neben eigenen unverarbeiteten Trauer-Traumata ging es darum zu verstehen, was wir Erwachsenen brauchen, um in dieser schweren Zeit gut für uns zu sorgen. Wir dürfen uns fragen: Erlauben wir uns traurig zu sein? Erlauben wir dem Kind, seinen eigenen Weg der Trauer zu finden, obwohl es erst 5 Jahre alt ist?

Was trauernde Kinder brauchen

Ich lese, dass es vielen Eltern schwer fällt, Kinder in den Sterbe- und Trauerprozess einzubinden. Sie möchten ihre Kinder vor dem Schmerz, dem Verlust beschützen. Oft ist die eigene Trauerkultur, die wir unreflektiert von Eltern und Großeltern übernehmen, für diese Haltung verantwortlich. Kinder würden die Kompetenz zu trauern auf die Welt mitbringen, sagt die Psychologin Dr. Marina Stotz. Es käme darauf an, dass wir sie dabei begleiten. Das ist auch meine Erfahrung: Wir lernen die Art unserer Trauerverarbeitung mit und durch unsere Bindungspersonen.

Kinder Trauer will gelernt sein

Ich erinnere mich, dass mich während meines Studiums in Armenien eine Kommilitonin mit anderen Freunden zu sich nachhause eingeladen hatte. Dort trafen sich alle, um sich vom Vater des Mädchens zu verabschieden. Der war gerade gestorben. Was wir da genau machen würden, war mir unklar. Als sehr neugierige, sehr mitteleuropäische junge Frau witterte ich die Gelegenheit, etwas zu erleben und willigte ein.

Andere Länder – andere Trauer

Bevor ich nach Armenien kam, hatte ich meinen Vater allein in Spanien beerdigt. Der Tod saß mir noch unverarbeitet in den Knochen. Intuitiv wollte ich mehr über ihn erfahren. Nichts ahnend ging ich also zur Abschiedsparty. Im Wohnzimmer standen und saßen eine Menge Leute  um den Esstisch herum. Sie redeten und klagten leise, es brannten Kerzen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff: Der Vater lag dort auf dem Esstisch. Dort, wo sonst alle sitzen und – essen! Ich fand das skandalös. Noch Jahre lang fand ich es unfassbar. Nie hätte ich an diesem Tisch auch nur einen einzigen Bissen mehr essen können. Heute könnte, würde ich.

Nicht, weil es schwer ist, wagen wir es nicht. Sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. (SENECA)

Mit mir hat damals niemand über den Tod meines Vaters, der Persona non grata, gesprochen. Ich blieb allein mit Kummer, Überforderung und Trauer. Kein Mensch sollte mit 21 Jahren ein Elternteil allein in einem fremden Land beerdigen und beweinen müssen. Die Folgen sind beachtlich: Auch heute noch ist meine Art der Trauer auf eine Weise kindlich. Sie ist nicht integriert, hat in mir kein Zuhause. Verlust ist für mich gleichbedeutend mit Kontrollverlust. Trauer überrollt mich, verknüpft sich mit Schuld- und Schamgefühlen, sät sich aus an unerwarteten Orten. Ach, hätte ich, ach wäre doch … Ich lerne, dass nichts davon wahr ist.

Das innere Kind wird erwachsen

Es bedarf viel Arbeit mit dem inneren Kind, um Ordnung in diese kindlichen Gefühle zu bringen. Schließlich möchte ich meinem leiblichen Kind ermöglichen, seine Trauer in seinem Tempo und auf seine Weise zu erleben. So darf sie sich zu einem stabilen System gliedern, auf das Merlin als Erwachsener Rückgriff nehmen kann.

Wie Kinder trauern – der Schmerz kommt in Schüben

Im Buch Kindern trauern anders* finde ich eine Beschreibung von Kindertrauer, die sich so vollkommen mit meinen Erfahrungen und Beobachtungen deckt.

Kinder stolpern in Pfützen der Trauer hinein und springen wieder weiter. (Gertrud Ennulat)

Auch Merlin trauert in kleinen Portionen. Ich beobachte, wie er konzertiert nach Stöcken und anderen Kostbarkeiten sucht, die unser Garten zu bieten hat. Daraus würde er nun die Oma bauen, sagt er mit glänzenden Augen. Blumen, Augen, Spazierstock und natürlich mit Atemmaschine! erklärt er. Ich frage nach, wie es ihm jetzt geht, als er Oma nach getaner Arbeit begutachtet. Gut, sagt er und springt vergnügt auf die Rutsche. Schon der nächste Windstoß bringt Omas Frisur durcheinander. Und am Abend ist nichts mehr von ihr zu sehen.

Längere Trauerzustände wären eine zu große Bedrohung für ihre sich erst im Aufbau befindende Person. (Gertrud Ennulat)

Kinder Trauer hat viele Gesichter – Oma gelegt aus Gartenmaterialien
Kinder Trauer – jedes Kind findet seinen eigenen Weg

TIPP Für Kinder ist es manchmal leichter, ihre Sorgen einem imaginären Freund zu erzählen. Deshalb führen wir manche Gespräche mit Handpuppen. Das hilft dem Kind, Augenhöhe zum Gegenüber herzustellen. Merlin kommt so oft leichter in Kontakt mit seinen schmerzhaften Gefühlen der Kinder Trauer.  Da wir diesen Tipp aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg haben, ist die Handpuppe bei uns auch immer wieder eine Giraffe.

Warum trauern Kinder anders als Erwachsene?

In Gesprächen mit Eltern trauender Kinder erfahre ich, dass Kinder sehr unterschiedlich auf Verlust reagieren. Von Wut, Rückzug, Appetitverlust und Aggression ist die Rede. Das sei normal, lese ich im Buch Wie Kinder trauern*. Für uns Eltern sei diese Art der Kinder Trauer oft schwer zu ertragen. Eltern müssten lernen, mit ihrer eigenen Hilflosigkeit, Ohnmacht und Trauer umzugehen, erklären die Autor*innen. Nur so könnten sie ihrer Aufgabe gerecht werden, für die Kinder ein verlässlicher Hafen zu sein. Das fällt nicht immer leicht. Auch uns Große überkommt oft die Trauer so heftig, dass wir gar nicht mitbekommen, wie die Kinder versuchen, uns zu trösten.

Kinder in Trauer begleiten – und nicht andersherum

Und das ist nicht ihre Aufgabe, da sind sich Expert*innen einig. Ja, Kinder dürfen, müssen sogar mitbekommen, wie sich ihre Eltern mit dem Tod eines wichtigen Menschen fühlen. Sie spüren ohnehin, dass etwas nicht stimmt. Und sie dürfen mitfühlen. Nur so lernen sie, dass es ok ist, auf eine ganz persönliche Art traurig zu sein. Dennoch überfordern wir kleine Menschen, wenn sie unsere Tränen trocknen sollen. Denn die Verantwortung für unsere Gefühle obliegt allein uns. Mehr dazu liest du im 1. Teil meines Gesprächs mit Saskia John.

Wenn Eltern sich stetig oder öfter wiederholend nicht gut um sich und ihr Wohlergehen und das des Kindes kümmern, wird das Kind vordergründig alles tun, damit es seinen Eltern gut geht. Auf diese Weise sorgt es hintergründig dafür, dass seine eigene Existenz gesichert ist. (Saskia John)

Wenn wir selbst oder das Kind allerdings längerfristig massiv beeinträchtigt sind, brauchen wir Hilfe. Auch wenn Kinder Trauer kein populäres Thema ist  – es gibt zahlreiche Angebote dazu.

Kinder Trauer Gruppe – Hilfe vom Profi

Die AETAS Kinderstiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien ganzheitlich bei der Trauerbegleitung zu unterstützen. Sie kommen nachhause zu den Familien und bieten auch Trauergruppen für Kinder an. Ähnliche Angebote findet ihr bei der Diakonie in eurer Nähe. Die Wie Kinder trauern Broschüre Diakonie könnt ihr ausdrucken oder postalisch für 2,50 Euro bestellen. Sie bietet einen umfangreichen ersten Überblick über das Wesen von Kinder Trauer und wie ihr sie adäquat begleiten könnt. Auch wenn es für uns vermutlich nicht notwendig sein wird – ich bin dankbar für solche Angebote.

Kinder in Trauer unterstützen mit Ritualen

In kaum einem Elternratgeber fehlt das Loblied auf Rituale und Strukturen. Auch beim Trauern werden sie empfohlen. Sie geben uns Halt und schaffen Nähe. Ich habe gleichzeitig die Erfahrung gemacht, dass ich in der Zeit der Trauer nicht diejenige bin, die diese Rituale erfindet und bestimmt. Manche unserer Angebote nimmt Merlin gerne an. Andere entstehen aus der Situation und werden wie von selbst Teil unseres neuen Alltags ohne Oma. So werfen wir gemeinsam beim Essen immer wieder Gemüse in die Luft, um mit Oma zu teilen. Dann lachen wir.

Kinder Trauer hat ihre eigenen Gesetze

Am Morgen nach Omas Tod bittet Merlin mich, seine Lieblingsdecke auf seinem Kinderzimmerboden auszubreiten. Das würde jetzt die Todesfeier. Er sagt es mit Augen, die mir wie zwei runde Monde scheinen. Er schneidet Äpfel auf, zündet eine Kerze an und bittet um etwas Brot und Butter. Gemeinsam mit dem Geschirr und Holzgemüse von Kinderküche und Kaufladen lädt er uns zum Frühstück ein. Wir singen das Oma-Lied und aus den Montessori-Buchstaben legt er den Namen der Oma.

Das ist die Todesfeier für die Oma, die Uroma und Janosch. (Merlin, 5 Jahre)

Janosch, das ist ein wichtiger Familienhund. Ich lerne, dass es Kindern egal ist, ob sie ein Tier oder einen Menschen verlieren. Verlust ist für sie noch nicht hierarchisch. Ich frage mich, ob er das überhaupt sein kann.

Abschied

Mich erinnert der Morgen nach Omas Tod in Merlins Kinderzimmer an den Moment in Armenien, in dem ich das 1. Mal in meinem Leben einen toten Menschen sah. Daran, wie sehr mich das erschrak. Und daran, wie wenig es Merlin erschreckt. Wie die Armenier darf er mit Tod und Verlust nicht nur äußerlich in Verbindung treten. Er darf das mit seinem ganzen Inneren tun, mit all den schweren, schmerzvollen Gefühlen. Am kommenden Montag ist die Beerdigung. Es gibt kein Treffen danach, die Anzahl der Trauergäste ist wegen der Corona-Krise auf 10 beschränkt. Merlin möchte das Oma-Lied nicht mit mir singen. Stattdessen werde ich mit ihm an der Hand und seinem Papa an der Gitarre das Lied für seine Oma singen.

Wir wünschen euch, dass ihr und eure Lieben gesund durch diese Zeiten kommt. Und denkt dran: Niemand braucht mit seiner Trauer allein zu bleiben. Auch wir sind für euch da. Schreibt uns gern.

Let’s stand together. 

Eure RiskyMum Tanja

Kinder Trauer – Merlin feiert ein Totenfest
Merlins Todesfeier für Oma, Uroma und Janosch, den Familienhund

Coming soon …

Nach schwerer Kost folgt leichte: Kommende Woche ist unsere Kochwerkstatt wieder im Einsatz für euch. Anne hat mal wieder was Süßes parat, das garantiert eine gute Figur beim Dinner macht – und eure (weitgehend) unangetastet lässt. 😉 Stay tuned!

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Unser Dank gilt dem Kooperationspartner ROHEMA Percussion für das Musikinstrument auf dem Titelbild des Fotos, das ich dafür verwenden durfte.

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Über Tanja Conrad

Tanja Conrad

Nach 20 Jahren auf der Theaterbühne wurde ich Mutter und studierte Journalismus und Medienmanagement. Heute schreibe ich u. a. für Der Spiegel als freie Kultur,- Reise- und Gesundheitsjournalistin. Ich arbeite als Konzertsängerin und singe mit Kindern. Meine Keynotes, Workshops und Fortbildungen zum Singen mit Kindern richten sich an Eltern und Pädagog*innen. Meine Leidenschaft: Familie, Schweden, Hunde, Yoga, Green Living, Camping.