Inneres Kind symbolisiert durch Baby vor Mutter

Inneres Kind heilen – vor über 10 Jahren machte ich mich auf die Suche nach meinem inneren Kind. Was war der Auslöser? Wie hat diese Reise mein Leben verändert? Und wie findest auch du zu deinem inneren Kind? Das erzähle ich in diesem sehr persönlichen Artikel.

Lesezeit: 10 Minuten

Inneres Kind heilen – eine Lebensaufgabe  

Merlin war keine 2 Jahre alt. Er saß eines Abends am Tisch und beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Wasser und Schwerkraft. Platsch. Da lag der Becher schon auf dem Boden und das Wasser sickerte in die Fugen des Parketts. Ich werde diesen Moment niemals vergessen. Wie in Zeitlupe folgte mein Blick meinem Arm. Irgendeine geheime Macht ließ ihn hochschnellen mit dem Vorsatz, auf das Kind hinabzusausen

Die Rechnung hatte diese Kraft ohne mein geheimes Versprechen an Merlin gemacht: Ich würde ihn nie, nie, niemals im Leben schlagen. So, wie ich als Kind geschlagen wurde.

Grüße aus Musterhausen

In diesem Moment erkannte ich die überwältigende Macht unbewusst erlernter Muster meiner Kindheit. Dieses Mal war es mir gelungen, mich gegen sie zu stellen. Würde es mir auch gelingen, wenn das Kind 3 oder 4 Jahre alt ist? Wenn es ganz andere Möglichkeiten hat, meine Knöpfe zu drücken?

Ich ahnte, dass es nicht reichen würde, Bücher zu lesen oder mich regelmäßig auf die Couch der Trauma-Therapeutin zu setzen. Es musste noch ein ganz praktischer Weg her, der mir die Macht über meine Entscheidungen zurückgeben würde. Mehr dazu liest du in meinem Artikel über Family Mindset.

Während meiner Zeit in Berlin hatte ich schon einige Familienaufstellungen nach Hellinger bei Saskia John besucht. Ich war auch ein paar Mal bei ihr im Einzelcoaching. 2016 beschloss ich, dauerhaft mit ihr zu arbeiten. Egal, was es kosten würde: Die Unversehrtheit meines Kindes war mir jeden Euro wert.

Erklärung inneres Kind – was bedeutet inneres Kind?

Ich habe mich sehr langsam an das Konzept des inneren Kindes herangetastet. Das war nötig, da die Verbindung zu ihm so gut wie nicht bestand. Es fiel mir schwer, die Existenz eines für mich fiktiven Kindes anzuerkennen, dass in mir und durch mich wirken soll.

Um zu erläutern, was es genau mit dem inneren Kind auf sich hat, komme ich noch einmal zum Anfang zurück. Wie konnte es dazu kommen, dass ich fast mein Kind geschlagen hätte? Weshalb hat mich der umgeworfene Becher so unter Stress gesetzt? Als ich so alt war wie Merlin, haben mich meine Eltern für diese Art von Fehlverhalten regelmäßig bestraft und beschimpft.

Auf diese Weise ist die Überzeugung, dass das Umwerfen eines Bechers eine Katastrophe darstellt, emotional tief in mir verwurzelt. Folglich reagiert in diesem Moment nicht mein erwachsener Verstand auf Merlin, sondern mein verängstigtes, 2 Jahre altes Kind-Ich. 

Das Konzept des inneren Kindes (…) macht in manchen Situationen erst sichtbar, was in uns wirklich passiert und zeigt die Strukturen, die aus unserer Kindheit kommen. Solange wir diese Teile von uns ignorieren und mit unserem Kindheits-Ich versuchen, Dinge zu lösen, wird uns vieles unnötig schwer fallen. (Nicola Schmidt)

Warum es mir gelungen ist, die Hand wieder zu senken, durchzuatmen und mich bei meinem Kind zu entschuldigen? Weil noch genug erwachsene Anteile anwesend waren, um die Führung zu übernehmen. Und genau darum geht es: die Führung des inneren Kindes als Erwachsene wieder zu übernehmen. 

Was ist mein inneres Kind?

Experten unterscheiden zwischen Erwachsenen-Ich und Kind-Ich. Das innere Kind ist das Ich unserer Kindheit und umfasst alle Stufen des kindlichen Entwicklungsprozesses. Das ist der Grund, weshalb wir vor dem inneren Auge während des Prozesses unserem Kind-Ich in unterschiedlichem Alter begegnen. Es kommt immer darauf an, was wir in welchem Alter erfahren haben.

Es kann passieren, dass wir in dem Moment, in dem wir unter enormen Druck geraten, auf eine Stufe unseres Kinder-Ichs zurückgehen, in dem einprägsame Dinge passiert sind. (Nicola Schmidt)

Autorin und Artgerecht-Gründerin Nicola Schmidt erklärt diese Zusammenhänge im Interview anschaulich. Wenn wir unsere Kinder zum Beispiel schreien lassen, ohne auf ihre Not zu reagieren, setzen wir sie einer massiven Todesangst aus. Wiederholen wir das oft genug, werde das Kind massiv traumatisiert, sagt Schmidt.

Oft lassen Eltern ihre Kinder aus Hilflosigkeit oder unerträglichem Stress schreien. Und es sind oft die Eltern, die selbst als Babys allein gelassen wurden. Das Weinen ihres Kindes erinnert sie unbewusst an diese furchtbare Angst ihrer frühen Kindheit. Stell es dir vor: In diesem Moment ist ein erwachsener Mensch emotional 2 oder 3 Monate alt! Er hat keinen Zugriff auf diese Gefühle und ist ihnen vollkommen ausgeliefert.  

Verbindung zum inneren Kind aufnehmen

Kinder bestehen vor allem aus Gefühlen. Deshalb kommst du bei der Arbeit mit dem inneren Kind auf kognitiver Ebene nicht weit. Für mich war es unfassbar anstrengend, meinen Überlebensmechanismus zu verlassen und mich ins Gefühlsabenteuer zu stürzen.

Meine Strategie bestand vorher aus dem Wissen, dass mein Verstand das Kind schon schaukeln würde. Nur hatte er an dieser Stelle nichts mehr zu suchen. Verbindung zum inneren Kind zu schaffen, bedeutete für mich absolute Terra incognita. 

Inneres Kind Übungen zum Kennenlernen

Zunächst lernte ich, das innere Kind überhaupt erst zu spüren. Wenn ich wütend wurde, überreagierte oder einen Kloß im Hals spürte, waren es Botschaften des inneren Kindes. Saskia übte mit mir die innere Begegnung mit meinem Kind-Ich. Zuerst hatte es überhaupt kein Interesse an mir. Ich konnte sagen, was ich wollte: Es glaubte mir nicht. 

Viele Jahre traf ich mein inneres Kind in einer Art Blackbox. Es war dunkel dort, tiefschwarz. Einmal entdeckte ich es hinter einer Dornenhecke, als sei es Dornröschen. Ich habe es befreit. Manchmal waren Mitglieder meiner Familie dort, die tuschelten, sich aufregten. Dann war es meine Aufgabe, mich für mein Kind einzusetzen.

Wie schaffe ich es, das Gelernte in mein Leben zu übertragen?

Auch heute noch geschieht es,  dass mich der Mann mit irgendeiner belanglosen Bemerkung triggert. Dann rassele ich sofort mit den Säbeln und bin bereit loszuschlagen.

Immer öfter gelingt es mir in solchen Situationen, mich umzudrehen und in mein Zimmer zu verschwinden. Erhöhter Puls, rasendes Herz. Und das nur, weil er meinte, ich hätte die Apfelschalen herumliegen lassen. Tja. Da hat sich das innere Kind zu Wort gemeldet. Als es 7 oder 8 Jahre alt war, ließ es auch öfter mal Schalen liegen. Und wurde dafür abgewertet und beschimpft. 

Wie Zauberei

Wenn ich dann zitternd auf meinem Bett liege, suche ich das Gespräch mit dem inneren Kind. Ich sage ihm, dass ich, die große Tanja, nun da bin und auch bleibe. Und ich sage ihm, wie gut ich es verstehe und dass es furchtbar war, damals so gemaßregelt zu werden. 

Die Wirkung fühlt sich für mich bis heute wie Zauberei an – ich entspanne mich sofort auf körperlicher Ebene. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie sich auch das Kind in meine Anerkennung seiner Gefühle hinein entspannt. 

Später gehe ich zurück in die Küche, übernehme Verantwortung und kläre, was es zu klären gibt. Am schönsten ist es, wenn ich dem Mann anvertrauen kann, was da gerade bei mir passiert ist. Dann erzählt er mir vielleicht von seinen Gefühlen und Triggern. Und auf diese Weise entsteht Nähe und Heilung. 

Es ist befreiend, sich auf den Weg zu machen und bewusst zu erkennen: OK, da steht ein Dreijähriger und ich bin auch gerade 3 – deshalb klappt das nicht! Das Kind ist okay, ich bin okay – wir müssen nur neu drauf schauen. Das kann sehr, sehr befreiend sein. (Nicola Schmidt)

Manchmal fühle ich mich auch von Merlin bedroht. Nicola erklärt das anschaulich in ihrem Buch Erziehen ohne Schimpfen: In solchen Momenten verwechseln wir unser Kind mit einem Säbelzahntiger aus Urzeiten! Dann ist das Stammhirn aktiv und ich bin innerlich genauso alt wie mein Kind. Sich das bewusst zu machen hilft, immer früher die Reißleine zu ziehen. 

Was braucht mein inneres Kind?

Um herauszufinden, was das innere Kind zu welchem Zeitpunkt genau braucht, hilft oft das leibliche Kind. Frage dich: Was braucht es, wenn es sich einsam fühlt, Angst hat oder traurig ist? Braucht es Trost, Verbindung, Liebe oder Nähe? Dein inneres Kind braucht deine Fürsorge genauso wie dein leibliches.



Aussöhnung mit dem inneren Kind – nimm dein inneres Kind an die Hand

Das innere Kind an die Hand nehmen ist von enormer Bedeutung. Um das tun zu können, musst du es zunächst spüren. Und das geht nur auf körperlicher Ebene. Die Arbeit mit dem inneren Kind hilft dir generell, dich besser spüren zu lernen. Du bekommst ein Gefühl dafür, welche Emotionen mit welchen körperlichen Reaktionen zusammenhängen. 

Das innere Kind braucht Führung

Früher fühlte ich mich oft wie ein Spielball scheinbar willkürlich auftretender Gefühle. Und da auf jedes Gefühl eine körperliche Reaktion folgt, fühlte sich mein Leben an wie eine Schiffsreise durch tosende Stürme. Flauten waren selten, die Windrichtung wechselte oft. Das zerriss meine Segel, nagte an der Substanz des Bootes.

Auf diese Weise lernte ich nicht wirklich, das Boot zu steuern. Der Wind riss mir das Ruder oft aus der Hand. Bug und Heck konnte ich manchmal nicht unterscheiden. Wenden funktionierten nur zufällig, ein Ziel erreichte ich auf diese Weise nicht. 

Durch die Arbeit mit dem inneren Kind konnte ich die Führung wieder übernehmen. Wie mir das genau gelungen ist und was auch dich dabei unterstützt, liest du in meiner Serie #ComingHome.

Inneres Kind nachbeeltern – ein Leben lang

Für mich ist der Gedanke tröstlich und hilfreich, meinem inneren Kind der Elternteil zu werden, den ich damals gebraucht hätte: Eine Mutter, die mich in meinen Eigenheiten, Gefühlen und Bedürfnissen schätzt und anerkennt. Ich gebe diesem Kind und damit mir selbst endlich ein Zuhause.

Nimm‘ deine Gefühle zurück zu dir

Die Beziehung zu meinen Eltern hat sich heute verändert. Ich habe anerkannt, dass sie ihr Bestes gegeben haben. Und ich habe die Verantwortung für meine Gefühle vollständig zu mir zurückgenommen. Ich habe sie erschaffen als Folge dessen, was ich als Kind erlebt habe. Nun kümmere ich mich um die Korrektur.

Es geht nicht um den Bruch. Es geht um die Reparatur. (Philippa Perry)

Es scheint, als erleichtere die Arbeit mit dem inneren Kind das gesamte Familiensystem. Meine ganze Familie öffnet sich Gefühlen wie nie zuvor. Wir sprechen über Gefühle, Motive und Bedürfnisse. Kurz: Wir heilen.

Das innere Kind in dir muss Heimat finden 

Wenn Coaching gerade keine Option für dich ist, kannst du auch mit Büchern beginnen. Meine Lieblings-Autorin zum Thema inneres Kind ist Stefanie Stahl. Mit ihren Büchern Das innere Kind muss Heimat finden*, dem Arbeitsbuch* und  Nestwärme, die Flügel verleiht* hast du genug Wissen in der Hand, dich auf den Weg zu machen. 



Sonnenkind, Schattenkind

Stefanie Stahl macht übrigens einen Unterschied zwischen dem Sonnenkind und dem Schattenkind. Das verdeutlicht den Transformationsprozess des inneren Kindes aus der Dunkelheit hin zum Licht. Nicht alle Coaches arbeiten mit dieser Trennung, das nur zu deiner Information.  


TIPP Noch mehr zum inneren Kind liest du im Interview mit Saskia John. Dazu erfährst du, wie du dich deiner Ängste in Krisenzeiten stellen kannst. Hier liest, wie du dein Kind liebevoll durch die Krise begleitest und ihr als Familie gut für euch sorgen könnt.


Jede Generation geht einen Schritt

Seit damals habe ich nie wieder meine Hand gegen mein Kind erhoben. Nie mehr war ich so nah dran, es körperlich zu verletzen. Gleichzeitig gelingt es mir nicht immer, meine erwachsene Energie zu halten. Dann reißt sich die kleine Tanja los und kämpft um ihr Leben. Kämpft als 6-Jährige gegen einen 6-Jährigen.

Sobald sich der Nebel lichtet und ich erkenne, was hier wirklich geschieht, denke ich an Nicolas Worte: Setzt euch nicht unter Druck und seid gnädig mit euch! Wenn es schiefgelaufen ist, reflektiert die Situation. Was ist geschehen? Woher kenne ich das in meiner Kindheit?

Es ist unmöglich, unsere Kinder vor allen Verletzungen und Traumatisierungen zu schützen, die wir über Erfahrung und transgenerationale Weitergabe in diese Welt mitgebracht haben. Es reicht, wenn wir den Hauptstrang kappen. Mehr dazu lest ihr in meinem Interview mit Nicola Schmidt, das hier in Kürze erscheint.


TIPP Hast du Interesse an einem inneren Kind Seminar oder an Aufstellungsarbeit? Dann schau‘ dich bei Saskia und Carolin um. Ich kann dir beide von Herzen empfehlen. 


Und wie geht es weiter mit dem inneren Kind?

Die Arbeit mit dem inneren Kind ist für mich eine Lebensaufgabe. Auch wenn ich vieles heilen konnte und mir wie eine Sprache in den Körper geschrieben ist: Ich werde immer neue Schichten entdecken. Neue Verbindungen, Verstrickungen und Abgründe erforschen, anschauen und durchfühlen. 

Früher dachte ich, dass wir Menschen irgendwann irgendwo ankommen müssten. Und immer, wenn ich glaubte, ein Ziel vor Augen zu haben, entpuppte es sich als Fata Morgana.

Als ich die Alpen zu Fuß überquerte, ging es mir einmal 4 Stunden lang genauso. Ich dachte ständig, die Spitze des Berges zu sehen. Fail. Irgendwann beschloss ich davon auszugehen, dass ich wohl die nächsten 40 Jahre nichts anderes tun werde, als diesen Berg hinaufzulaufen. Und in diesem Moment waren Schmerz und Frustration verflogen.

Für mich ist das Konzept des inneren Kindes ein Segen. Auch wenn der Weg nicht leicht ist, weil viel Schmerz und Trauer zum Vorschein kommen. Lass‘ uns einander unterstützen, durch den Schmerz gehen und die Freiheit feiern, die dahinter auf uns wartet. Bist du dabei?

Erst der Mut zu sich selbst wird den Menschen seine Angst überwinden lassen. (Viktor Frankl)

Auf deine Veränderung, Rakete!

Deine Tanja


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