Im Gespräch mit Heilpraktikerin & Autorin Saskia John (1): „Wir sind mehr als ein Überlebensmechanismus”

Saskia John in ihrer Praxis

Saskia John unterstützt Menschen, wieder Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen und damit zu sich selbst. Im 1. Teil unseres Gesprächs erklärt die ehemalige Veterinär-Medizinerin und Heilpraktikerin, wie Traumata entstehen und welche Auswirkungen sie auf unsere Familien haben. Und sie macht Mut, sich den Verletzungen aus der Kindheit zu stellen.

Ein Gespräch mit Saskia John über die (Ohn-)Macht unserer Gefühle

Tanja Schön, dass du dich bereit erklärt hast, mit mir über deine Heilungsarbeit zu sprechen. Stell dich doch erstmal vor, wer du bist, was du machst. 

Saskia Mein Name ist Saskia John, ich bin Heilpraktikerin und arbeite vor allem mit Familienstellen, befasse mich mit der Heilung des inneren Kindes und biete Dunkelretreats an. Bei allem, was ich mache, geht es um Heilung von Traumata.

Es geht um die Heilung emotionaler Verletzungen, die wir in der Kindheit selbst erlebt oder übernommen haben von unseren Ahnen.

Tanja Um welche Art von Traumata?

Saskia Es geht um die Heilung emotionaler Verletzungen, die wir in der Kindheit selbst erlebt oder übernommen haben von unseren Ahnen. Es geht in der Traumaheilung darum, dass ein Mensch mehr bei sich ankommen und herausfinden kann, wer sie oder er ist und nicht ist. Es geht also um mehr authentischen Ausdruck. Wir sind mehr als ein funktionierender Überlebensmechanismus.

Tanja Was ist ein funktionierender Überlebensmechanismus? Hast du dafür ein Beispiel?

Saskia Ganz kurz gesagt: Funktionierender Überlebensmechanismus bedeutet, dass ein Mensch sein Leben nicht aus seiner Kernenergie, seinem Potenzial, seinem authentischen Selbst heraus lebt, sondern aus einer tiefliegenden Angst heraus. Die bestimmt sein gesamtes Denken, Fühlen und Handeln, ohne dass ihm dies bewusst ist.

Tanja Das klingt komplex. Kannst du das näher ausführen?

Saskia Um dies tiefer zu verstehen, braucht es einige Informationen: Kinder sind von ihren Eltern zu 100 Prozent abhängig und haben Bedürfnisse, zum Beispiel nach Zugehörigkeit, Liebe, Schutz, Verständnis und Nähe. Werden die kindlichen Bedürfnisse nicht oder nur unzureichend erfüllt, löst das im Kind aufgrund seiner Abhängigkeit von den Bezugspersonen starke Angst aus, die ihm das Gefühl gibt, sterben zu müssen. Da es damit emotional hochgradig überfordert ist, kann es die Angst nur verdrängen. Das heißt, es trennt einen Teil seiner Energie ab. Mit der verbleibenden Energie wird das Kind intuitiv versuchen, die schreckliche Todesangst abzuwehren, indem es bestimmte Verhaltensweisen zeigt oder vermeidet, von denen es glaubt, dass die Eltern sich dies so wünschen oder erwarten.

Das Kind geht in sich selbst einen unbewussten Deal ein, indem es eine Leistung erbringt, um etwas dafür zu erhalten. (Saskia John)

Tanja  Also das Kind will den Eltern gerecht werden? 

Saskia Das Kind will leben – und sich nicht in seiner Existenz bedroht fühlen. Wenn Eltern sich stetig oder öfter wiederholend nicht gut um sich und ihr Wohlergehen und das des Kindes kümmern, wird das Kind vordergründig alles tun, damit es seinen Eltern gut geht. Auf diese Weise sorgt es hintergründig dafür, dass seine eigene Existenz gesichert ist. Es findet intuitiv schnell heraus, was es tun kann, um sich besser, also geliebt, zugehörig und existenziell sicherer zu fühlen. Das Kind geht also in sich selbst einen unbewussten Deal ein, indem es eine Leistung erbringt, um etwas dafür zu erhalten. Das könnte auch als die Geburt des Egos bezeichnet werden.

Tanja Liebe gegen Leistung …

Saskia Genau. Und noch etwas ist wichtig: Da ein kleines Kind noch keine entwickelte Ratio hat, die einen Sachverhalt wie ein Erwachsener bewusst erkennen und reflektieren kann, versucht es auch dann instinktiv zu überleben, wenn sein Leben real gar nicht bedroht ist. Das ist typisch für einen Überlebens- oder Anpassungsmechanismus.

Tanja Wie versucht es das?

Saskia Dafür gibt es viele Beispiele: Das Kind ist brav, still, fleißig oder verteidigt einen Elternteil vor dem anderen. Die Kinder werden oft früh erwachsen und fühlen sich für Erwachsenenangelegenheiten verantwortlich.

Tanja Die Kinder verlagern also den Selbstwert nach außen, verlieren sich, ihre persönlichen Bedürfnisse aus dem Blick?

Saskia Ja. Weitere Beispiele für Anpassung wären: Sie sagen Ja zu bestimmten Erwartungen, obwohl innerlich ein Nein da ist. Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst werden unterdrückt. Die Anpassung geht auf Kosten der kindlichen Neugier, Spontanität und  Lebendigkeit. Der Bezug zu den eigenen Fähigkeiten, Impulsen und Interessensgebieten geht immer mehr verloren. Die Kinder fangen an, sich für ein Nein zu schämen und hören auf, ihre Wünsche und ihren Willen zu äußern. Den spüren sie auch immer weniger.

Tanja Der Preis, den das Kind für seinen Deal bezahlt, ist ziemlich hoch.

Saskia Ja, es lebt nicht mehr sich selbst, sondern versucht ständig, die unerfüllten Bedürfnisse durch Leistung doch noch erfüllt zu bekommen. Ständige Unzufriedenheit lässt das Kind und späteren Erwachsenen zunächst im Außen suchen, was im Inneren fehlt.

Tanja Ah, entstehen so Suchtstrukturen?

Saskia Ja. Andere Menschen, Tiere, Arbeit, Schokolade, Alkohol und Drogen, materielle Dinge oder Ablenkungen (z. B. Fernsehen, Sex, Computer- und Handyspiele) sollen die durch die Verdrängung entstandene innere Leere als Ersatz ausfüllen. Das ist aber unmöglich, da nichts auf der Welt die ehemals verdrängte Energie ersetzen kann. Erst wenn der Mensch erkennt, dass er in der Außenwelt nicht fündig werden kann, wird er auf der Suche nach sich selbst den Blick nach innen nehmen. Und damit beginnt die Innenreise zum wahren Selbst.

Viele Leute kennen sich nicht tief und sind ständig auf der Suche nach der eigenen Essenz.

Tanja Also sozusagen die Suche nach der Essenz…

Saskia Ja, genau! Viele Leute kennen sich nicht tief und sind ständig auf der Suche nach der eigenen Essenz. Ich sehe es als meine Hauptarbeit, diesen Prozess zu begleiten und innere Wachstumsschritte nachzuholen, weil wir sie in der Kindheit aus verschiedenen Gründen nicht ganz vollziehen konnten. Durch die innere Arbeit wird es den Menschen wieder möglich, das eigene Selbst zu fühlen und zu leben. Das ist ein gänzlich anderes Lebensgefühl dann.

Tanja Du bist praktisch die Mediatorin zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein?

Saskia Könnte man so sagen. Ich bin die Mediatorin, die lehrt, wie das geht. Und ich versuche die Menschen darin zu unterstützen, ihr eigener Mediator zwischen ihrem Bewusstsein und ihrem Unterbewusstsein zu werden. Kurz: Ich vermittele die Tools zur Selbstheilung und begleite die Menschen in ihrem Heilungsprozess, auf ihrem Weg.

Tanja Mal ganz praktisch. Wie werden wir uns denn bewusster über uns und unsere Muster? Wie wirken die überhaupt?

Saskia Rational ist uns oft klar, dass wir nicht auf eine bestimmte Weise, z. B. aggressiv, reagieren möchten. Wenn unsere Ratio mit dem Verdrängten im Unterbewusstsein keine bewusste Beziehung hat, dann zieht es uns als Erwachsene, wenn das Verdrängte als eine Art Blase mit hoher magnetischer Kraft plötzlich hochtriggert, aus unserer rationalen Klarheit heraus. Wir rutschen dann in diese unbewusste Blase hinein und verhalten uns entsprechend.

Tanja Meinst du mit dieser Blase eine ungeheilte Verletzung?

Saskia Ja, eine seelische Verletzung. Das ist so, als hätte ich gar keine Logik oder Ratio mehr zur Verfügung und kann dann auch nicht mehr so handeln, wie ich es mir vorgenommen hatte. Weil zwischen Ratio und der unbewussten Blase, also den damit verbundenen Gefühlen, keine Verbindung besteht. Das zu beobachten, zu heilen und wieder zu verbinden, darauf kommt es an.

Wenn es in meiner Kindheit Verdrängung gab, dann ist das, was ich als Erwachsener erlebe, oft ein Spiegel oder ein Ergebnis meiner Vergangenheit.

Tanja Du sagst, dass unser Erwachsenenleben und die meisten unserer Beziehungen, so habe ich das jetzt verstanden, der Spiegel dessen ist, was wir in unserer Kindheit erlebt haben. Nur codiert.

Saskia Wenn es in meiner Kindheit Verdrängung gab, dann ist das, was ich als Erwachsener erlebe, oft ein Spiegel oder ein Ergebnis meiner Vergangenheit. Ich lege das, was ich in meiner Kindheit erlebt habe, immer wieder neu auf oder kreiere es neu aus dem Verdrängten heraus, aber ohne, dass mir das bewusst ist. Ich ziehe immer wieder Situationen an, die mich so fühlen lassen, wie damals in der Ursprungssituation, die ich jedoch aus emotionaler Überforderung heraus verdrängt habe. Da Verdrängung blitzschnell stattfindet, wird das auch von Erwachsenen automatisch und ganz schnell weggedrückt, sodass es schwer sein kann, den Mustermechanismus zu durchschauen.

Tanja Und so kommt es zu Wiederholungen.

Saskia Ja. In diesen Wiederholungssituationen fühle ich die alten Gefühle und projiziere sie dann unbewusst auf die Person, die heute vor mir steht. Dadurch kommt es zwischen zwei neuen Menschen zu einem Konflikt, zu einem Knoten.

Tanja Zu einer Verwechslung?

Saskia Ja. Und der alte Knoten aus der Vergangenheit setzt sich mit weiteren Menschen fort, wie z.B. in Paarbeziehungen oder mit eigenen Kindern. Sie triggern mich, weil sie Altes, Ungeheiltes in mir berühren. Meine Reaktion ergießt sich dann z. B. über das Kind. Und schon ist das gleiche Trauma an die nächste Generation weitergegeben, was die Beziehung erneut erschweren oder sogar ernsthaft gefährden kann.

Tanja Um diesen Kreislauf zu durchbrechen können sich Eltern, auch bei dir, Hilfe holen. Du arbeitest bereits seit 20 Jahren mit Familien. Was ist deiner Meinung nach das allergrößte Problem in Familien, wo hakt es am meisten?

Saskia Das allergrößte Problem ist, wenn Eltern Wunden in sich tragen, von denen sie gar nicht wissen, dass es ihre Wunden sind. Oder sie merken: Ah, da reagiere ich und kann es einfach nicht ändern. Das hat natürlich eine Auswirkung auf das Kind. Dann tauchen z. B. Verhaltensprobleme oder Gesundheitsprobleme bei den Kindern und innerhalb der Familien auf.

Tanja Was für Probleme sind das?

Saskia Oft zeigt sich das auch in Verhaltensproblemen in der Kita, in der Schule oder im Freundeskreis des Kindes. Mit diesen Sachen kommen die Eltern zu mir. Dann geht es zunächst einmal darum zu klären, dass wenn bei Kindern Probleme auftauchen, diese ihre Ursachen im Familiensystem haben, in ungeheilten seelisch-emotionalen Wunden der Eltern, Großeltern und manchmal auch der Urgroßeltern. Tatsächlich arbeite ich dann mit den Eltern an dieser Heilung. Parallel zur Heilung der Wunden der Eltern und Ahnen heilt zugleich auch die Wunde des Kindes, was dann wiederum am Gesundheitszustand und Verhalten des Kindes zu sehen ist.

Wir brauchen harmonisierte Eltern. (Saskia John)

Tanja Sind die Kinder anwesend, wie handhabst du das?

Saskia Nein. Sie brauchen nicht anwesend zu sein. Kinder sind mit ihren Eltern verbunden. Wenn die Eltern in sich selbst eine Wunde heilen und den schrägen Pfad begradigen, wirkt sich das auf das Kind aus. Es kann so auch im Kind zu einer Beruhigung und Harmonisierung kommen: Einfach durch harmonisierte Eltern.

Tanja Was macht den Hauptteil deiner therapeutischen Arbeit aus? 

Saskia  Ob Dunkelretreat, Familienstellen, Inneres Kind heilen, Tai Chi oder Meditation – das sind alles nur verschiedene Wege. Bei all dem geht es mir immer um die Heilung tiefer Verletzungen und um die Anbindung ans Göttliche, damit wir wieder von unserem Höheren Selbst inspiriert werden und in der Verbindung zu uns selbst und aus der Liebe heraus handeln können.

Wer ist Saskia John?

Saskia John, Jahrgang 1961, wuchs in der ehemaligen DDR auf. Die Wende im November 1989 leitete einen persönlichen Wandlungs- und Wachstumsprozess ein, der bis heute andauert. Ihr kompromissloser Weg ist ausgerichtet auf menschliche Werte und höhere Ebenen des Seins, dabei dringt sie in immer tiefere Ebenen von Authentizität, Selbst-Erkenntnis und Verantwortung vor.
Seit 1994 arbeitet Saskia John als Therapeutin in eigener Praxis und begleitet Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu Heilung und spirituellem Wachstum.

Die spirituelle Praxis von Saskia John in Teltow
Klar und liebevoll – die Praxis von Saskia John

TIPP Wenn dich Psychologie und die Heilung von Traumata interessiert, könnte der 2. Teil des Gesprächs mit Saskia über Kommunikation mit Kindern in der Krise und meine Rezension des Buches Die Schuldigen von Hanna und Nora Ziegert etwas für dich sein. Unterstützung für deinen eigenen Heilungsprozess bekommst du auf Saskia Johns YouTube-Channel und in ihrem Buch Grenzerfahrung Dunkelretreat*.

Auch nach Jahren der Beschäftigung mit dem inneren Kind, Familienaufstellungen und Seminaren entdecke ich noch jede Menge blinde Flecken auf meiner emotionalen Landkarte. Wie geht es dir mit deinen Mustern? Hast du professionelle Unterstützung oder kommst du gut allein zurecht?

Wir wünschen dir und deiner Familie, dass ihr gut durch diese Zeit kommt, ihr nicht allein seid und einander stützen könnt.

Eure RiskyMum

Tanja

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Mein herzlicher Dank gilt Saskia John für ihre Zeit und Freude, mit der sie mich bei der Erstellung des Interviews unterstützt hat.

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Tanja Conrad

Nach 20 Jahren auf der Theaterbühne wurde ich Mutter und studierte Journalismus und Medienmanagement. Heute schreibe ich u. a. für Der Spiegel als freie Kultur,- Reise- und Gesundheitsjournalistin. Ich arbeite als Konzertsängerin und singe mit Kindern. Meine Keynotes, Workshops und Fortbildungen zum Singen mit Kindern richten sich an Eltern und Pädagog*innen. Meine Leidenschaft: Familie, Schweden, Hunde, Yoga, Green Living, Camping.

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