Hanna Ziegert: Die Schuldigen. Eine Buchrezension

Hanna Ziegert und Nora Ziegerts Buch Die Schuldigen

Hanna Ziegert und Nora Ziegert, Mutter und Tochter, haben gemeinsam das Buch “Die Schuldigen” geschrieben. Es geht um Kriminalfälle, bei denen die Psychiaterin Hanna Ziegert Gewalttäter begutachtet hat. Warum die beiden Frauen glauben, dass das Böse weiblich ist und was wir für unsere Familien von Straftätern lernen können? 

Hanna Ziegert – jenseits von gut und böse

Von Gut und böse, schuldig oder unschuldig hält Hanna Ziegert nichts. Sie packt den Leser ihres Buches mit diesen Begriffen, um ihm deren Absurdität vorzuführen. Ihre Tochter Nora hat acht Kriminalfälle, in denen Hanna Ziegert als Gutachterin tätig war, in überraschend gegliederte Crime Stories übertragen. Gemeinsam machen sich Mutter und Tochter auf die Suche nach dem “kleinsten gemeinsamen Nenner des Gewaltverbrechens” und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen. Zumindest für diejenigen, die sich auf die Wissenschaft der Psychologie einlassen können, die für Laien oft nicht greifbar ist.

Ist das Böse wirklich weiblich?

Die Hälfte der im Buch beschriebenen Täter sind weiblich, die andere Hälfte sind männliche Straftäter. Wie kommt Ziegert darauf, dass das Böse weiblich ist?

Die Gleichberechtigung der Frau bedeutet auch, dass wir gleichberechtigt die Verantwortung für die Entstehung von Gewalt mit übernehmen.

Als Kinder lernen wir eine Muttersprache, so Ziegert. Diese Muttersprache enthielte auch die Kommunikations- und Beziehungsmuster, die wir von unseren Eltern übernehmen. Auf diese Weise kann Gewaltbereitschaft als Ergebnis dieser Muster von Generation zu Generation weitergetragen werden. Besonders Mütter seien diejenigen, die unsichtbare Fäden in Händen halten, welche über Gelingen und Nichtgelingen des Lebens von Schutzbefohlenen entscheiden können. Durch diese Art der Betrachtung ergibt jede einzelne Gewalttat einen Sinn und bleibt nicht isoliert als kaltblütige, verachtenswerte Tat stehen.

Niemand wird zum Täter, der in der Kindheit kein Opfer war.

Es geht Hanna Ziegert in ihrem Buch nicht um die Rechtfertigung schwerer und schwerster Straftaten. Wenn wir verstehen, weshalb eine Mutter ihr Baby unter der Geburt tötet oder warum ein Junge seine Nachbarin vergewaltigt, lernen wir etwas darüber, was ein Mensch braucht, um niemals in seinem Leben “die Not durch eine Straftat ausdrücken” zu müssen.

Leistet euch den Luxus zu verstehen.

Hanna Ziegert wirbt in ihrem Buch dafür, Straftätern ihre Würde zu lassen und ihnen mit gebotenem Respekt zu begegnen. Es ist eine kluge Entscheidung. Selbst aus der Perspektive derjenigen, die mit humanistischen Idealen wenig anfangen können. Wenn wir aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens und eines auf Transparenz ausgelegten Gerichtsverfahrens herausfinden, was der Resozialisierung zuträglich ist, muss der Täter unter Umständen nicht lebenslang eingesperrt werden. Stattdessen wird mancher Täter in der Lage sein, den “Tiger”, wie ihn Ziegert treffend beschreibt, zu bändigen. Wie? Mit einer geregelten Arbeit, Freunden und einer Beziehung. Und das entlastet nicht nur den Täter, sondern ist gesamtgesellschaftlich nachhaltig.

Das Verbrechen der Autorinnen

Ziegert selbst ist die Erzählerin dieses Buches, das chimärenhaft zwischen Sachbuch und Krimi chargiert. Ziegert hält sich nicht raus aus dem fast 300-seitigen Kompendium zum Teil haarsträubender Gewaltverbrechen. Nicht die einzigartige Schreibe der wortgewandten Co-Autorin Nora Ziegert lässt die kleinen Haare im Nacken des Lesers und der Leserin tanzen. Es sind die wahren Geschichten, in die Hanna Ziegert, wie auf einer weiteren Ebene des Verbrechens, eindringt. Sie tut das, um nachzuzeichnen, was warum geschehen ist. Solange,  bis es Sinn ergibt. Es hat etwas voyeuristisches, wenn sie, mit einer Brezel als “Gastgeschenk” und “Dooropener” bewaffnet, dem mutmaßlichen Täter im Gefängnis gegenüber sitzt und fragt, ob er gern mit seiner Mutter schlafen würde.

Hanna Ziegert seziert Täter. Und sich selbst.

Ziegert ist eine mutige Frau. Sie schreckt nicht davor zurück, die eigenen Gefühle und Empfindungen zu benennen,  die durch die intensive Begegnungen mit Tätern in ihr “mitschwingen”. Sie erzählt von plötzlicher sexueller Erregung, als sie einem jungen, muskulösen Mann gegenüber sitzt. En détail beschreibt sie, wie sie mit solchen Gefühlen umgeht, wie sie zustande kommen und warum sie ein Schlüssel zum Verständnis der Tat sein können.

So schmeichelhaft es sein kann, sich von einem attraktiven jungen Mann begehrt zu fühlen, so bestand meine Aufgabe doch darin, herauszufinden, für welchen Menschen in Herrn Freys Umfeld sein Gefühl eigentlich bestimmt war.

Hanna Ziegert hilft sich und dem Leser, der sich neben Fachwissen heimlich eine gehörige Portion Unterhaltung wünscht, mit Humor und Selbstironie weiter. Sie und Nora Ziegert finden einen feinen Ton, der der Komplexität und Schwere des Themas und dem Bedürfnis nach Kurzweil entspricht.

Steile Thesen werdender Mütter stellt man besser nicht infrage.

Also sprach Nora Ziegert …

Sprachlich greift Nora Ziegert tief in die Autoren-Schatzkiste. Durch Fragen, die sich Hanna Ziegert im Buch stellt, gelingen viele kurze und wirkungsvolle Spannungsbögen, die es fast unmöglich machen, das Buch wegzulegen. In einer Geschichte werden zwei Fälle ineinander verwoben und den zunächst scheinbar fehlenden Zusammenhang lösen die Ziegerts später kontemplativ auf. Nora Ziegert führt Erzählstränge zusammen, als schleiche ein Tiger lautlos auf seine Beute zu. Es ist ratsam, die Datierungen über den einzelnen Abschnitten zu memorieren, um nicht durcheinander zu kommen.

Keine Besserwisserei

Nach der Lektüre wissen Leserinnen und Leser nicht nur, was genau Maßregelvollzug bedeutet und wer alles einen Gutachter bei Gericht bestellen kann. Wie nebenbei erfahren sie zum Beispiel, dass Einnässen und massives Übergewicht bei Kindern Anzeichen innerer Not sind. Es gelingt den Ziegerts, psychologische Zusammenhänge lebenspraktisch darzulegen, sie verzetteln sich nicht in belehrenden Floskeln und vermitteln nicht das Gefühl, alles besser zu wissen. Lediglich in der Einführung könnte die fachlich interessierte Leserschaft die Nase rümpfen, wenn Ziegert meint, die Leser mit den Begrifflichkeit um “gut und böse” erst einmal “abholen” zu müssen.

Windschief, aber zielführend

Vermutlich ist Ziegerts etwas windschiefe Formulierung dem Werbekonzept geschuldet, das der Verlag vorgegeben hat und das sicher den Absatz des Buches anheizt. Teaser wie “True Crime”, “Geschichten über Frauen und Verbrechen”, “Ist das Böse weiblich?” klingen sexier als “Fälle aus dem Alltag einer forensischen Gutachterin”. Auch, wenn diese Schlagworte irre führen, so sind sie nur ein anderer Weg zu einem Ziel, das der Sachkrimi der Ziegert-Damen allemal erreicht hat: kluge und spannende Unterhaltung mit feinsinnig-philosophischem Unterbau. Und wer sich traut, darf nach oder während der Lektüre dem Straftäter in sich selbst auf die Spur kommen. Wer kann schon von sich sagen, niemandem je Schaden zugefügt zu haben?

Über die Autorinnen

Dr. Hanna Ziegert ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie sowie Psychoanalytikerin. Seit über dreißig Jahren ist sie als forensische Gutachterin tätig. Dr. Nora Ziegert, ihre Tochter, wuchs mit dem Gespräch über Verbrechen und ihre Hintergründe auf. Nora Ziegert ist angehende Notarin. Mutter und Tochter leben in München.

Über das Buch

Titel: Die Schuldigen*

Autor: Hanna und Nora Ziegert

Verlag: Penguin

Genre: Sachbuch

Erscheinungsdatum: 13. Juni 2017

ISBN-10: 3328101047

ISBN-13: 978-3328101048

Format: Taschenbuch

Preis: 13,00 Euro

BEWERTUNG: ⭐⭐⭐⭐⭐

Meistens lese ich Bücher in rasender Geschwindigkeit. Dieses Mal war es anders. Einige der Kriminalfälle haben mich in ihrer psychologischen Deutung so verblüfft, dass ich für zehn Minuten nur da saß und das Gelesene wirken ließ. Wann hat dich das letzte Mal ein Buch bewegt? Kennst du schon den Bestseller Anstand von Axel Hacke?

Danke, dass du im Blogwohnzimmer vorbei geschaut und -gelesen hast. Kommst du wieder mal vorbei?

Alles Liebe,

Deine RiskyMum Tanja

TIPP Du liest lieber auf dem Tablet oder E-Reader? Kein Problem. Dann hole dir die Kindle-Version von Die Schuldigen* auf dein Gerät.

Mein herzlicher Dank gilt dem Penguin Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar.

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Tanja Conrad

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