Großfamilie 2.0 – warum es sich lohnt, Großfamilie neu zu denken

Großfamilie 2.0 – Merlin mit Lama Bruno und Opa Franz

Großfamilie 2.0 –  die Großfamilie ist zur gesellschaftlichen Rarität geworden. Ich sehe nicht ein, weshalb ich auf die Vorteile der Großfamilie verzichten sollte. Wie ich mir meine eigene Großfamilie gebastelt habe? Warum ich glaube, dass unser Modell die Lösung vieler Sorgen von Kleinfamilien ist, die sich oft alleine und allein gelassen fühlen?

Großfamilie, die

Ich bin überrascht. Der Duden bezeichnet die Großfamilie als “großer Familienverband, der aus drei oder mehr Generationen besteht”. Ich hätte auf Eltern mit drei oder mehr Kindern getippt. Und ich dachte, dass diese “dudige Großfamilie” eher die Bezeichnung für ein Mehrgenerationenhaus ist.

Reminder

Meine Cousine musste mich vor ein paar Tagen daran erinnern, dass ich selbst für einige Jahre in eben dieser vom Duden definierten Großfamilie lebte. Das hatte ich vollkommen verdrängt. Für mich bin ich mit meinen anderthalb Brüdern (im Herzen volle zwei) und über lange Zeit kaum verfügbaren Großeltern ein Teil der üblichen Kleinfamilie. Und die hat Menschen im 21. Jahrhundert nicht unbedingt glücklicher gemacht.

Großfamilie 2.0 – Merlin mit seiner Patentante auf dem Spielplatz
Merlin vertraut seiner Patentante

Mikrokosmos als Vorbild

Tatsächlich führe ich meine Leidenschaft für viele unterschiedliche Menschen unter einem Dach auf diese kleine Zeit zurück. Nicht, dass es eine glückliche gewesen wäre. Ärger, Streit, Kontaktabbrüche waren an der Tagesordnung zwischen meinen Eltern und meiner exzentrischen Großmutter, der ich mich nicht unähnlich fühle.

Es gab diese Momente des Glücks. Da waren Garten, Pferde und die Katze auf dem Kaffeetisch, um den herum manchmal gelacht statt gestritten wurde.

Manchmal empfand ich dieses archaische Gefühl fundamentaler Geborgenheit. Es entstand, wenn meine Familie die Kraft fand, aus Liebe statt aus Angst zu handeln. Viele Jahre später erlebte ich Großfamilie 2.0 zuerst in Armenien, wo ich sechs Jahre meines Lebens verbrachte. Und dann in meiner Rostocker Studenten-WG.

Die Liebe, Freude und Unterstützung, die ich während meiner Studienzeit erlebt habe, zählt zu den Schätzen meines Lebens.

Wandel von der Großfamilie zur Kleinfamilie

Du möchtest wissen, weshalb ich mich bei all der Begeisterung nicht selbst für eine Familie mit drei Kindern oder mehr entschieden habe? Weil ich es nicht leisten kann. Die körperliche und psychische Gewalt, die ich als Kind erfahren habe, machen es für mich unmöglich, meine Kraft auf viele Kinder zu verteilen. Den Traumata und ihren Folgen die Wucht zu nehmen, kostet mich viel Zeit und Kraft. Was übrig bleibt, gehört einem Kind und immerhin zwei Hunden.

Das Leben in meiner ganz persönlichen Großfamilie muss ich mir nach meinen Kräften einrichten. Ich möchte mich gut um mich und meine Familie kümmern, ohne mich zu überfordern.

Keine drei, vier Kinder – was macht eine Großfamilie aus ?

Großfamilie bedeutet für mich, dass viele unterschiedliche Menschen regelmässig Teil des Lebens meiner Kernfamilie sind. Es sind nicht Onkel und Tante, die Geschenke bringen. Es sind diejenigen, die Teil unseres Alltags sind. Die, die Geschichten erzählen, erklären, Tränen trocknen und aus vollem Herzen lieben können. Es sind Menschen, denen ich vertraue, die ihren Ärger und ihre Freude vorbehaltlos teilen. Die helfen, wenn es ihnen möglich ist. Die nein sagen können, weil sie gut für sich sorgen. Wichtig: Sie müssen physisch nicht dauerhaft präsent sein.

Die Kinder lernen in den Institutionen, wie etwa Kindergärten, Kinder zu sein. Aber nur zuhause können sie lernen, was es bedeutet erwachsen zu sein. (Jesper Juul)

Unterschied zwischen Großfamilie und Kleinfamilie

Kinder brauchen eine anregende Umgebung und Erfahrungen mit möglichst unterschiedlichen Menschen. Das ermöglicht ihnen, einen reichen Gefühlsfundus und flexible Strategien auszubilden. Wohldosierte Abwechslung bringt Farbe ins Leben: verschiedene Stimmen und Stimmungen; ältere und jüngere Menschen jeden Temperaments. Es ist wenig spannend, stundenlang mit Mama oder Papa zuhause zu hocken und das sieben Tage die Woche.

TIPP Haltet Kontakt zu den wirklich wichtigen Menschen in eurem Leben. Die tiefsten Bindungen entstehen in den ersten drei Lebensjahren. Besucht einander regelmäßig, findet Gründe und Gelegenheiten. Auf diese Weise hat mein Sohn kleine und große Menschen in seinem Leben, die ihm die Welt bedeuten, die sie ihm von Herzen gern zeigen. Sehr spannend ist der Urlaub für Großfamilien – das läuft nicht immer stressfrei, kann aber sehr bereichernd sein. Nehmt die Mühe auf euch, es lohnt sich!

Von alten Mustern und neuen Wegen

Daran ändert auch ein Spaziergang oder das Rumsitzen auf Spielplatzwiesen wenig. Menschen brauchen soziale Kontakte. Wären die gewährleistet,  gäbe es weniger überforderte Eltern und damit weniger Gewalt gegenüber Kindern und unter Partnern. Eltern brauchen die Möglichkeit, sich auszutauschen und die Kinder abzugeben, wenn sie sich überfordert fühlen. Wenn das fehlt,  können sie nur auf die Strategien und Muster zurückgreifen, die sie in ihrer eigenen Kernfamilie gelernt haben. Leider taugen die oft wenig oder sind sogar vollkommen destruktiv.

Jetzt hör’ endlich auf zu heulen, jetzt ist Schluss. Es ist ja gar nichts los!

Gestern saß ich bei meiner Freundin und lauschte der Konversation einer Kleinfamilie im Nachbarhaus. Gut, dass Mama da war und Papa davon abhielt, das Kleinkind weiter zu beschimpfen und zu maßregeln. Mama war zwar auch keine Mutter Theresa, aber so what. Zumindest war der überforderte Vater nicht allein, dessen eigene unerfreuliche Kindheit ich mir anhand der Stunde Familienkonversation ungefähr hochrechnen konnte.

Eltern, tut euch zusammen

Damit es nicht soweit kommt, habe ich mir von Anfang an Backups organisiert. Noch bevor mich die Überforderung packt, kann ich mittlerweile auf ein Netzwerk aus (Wahl-) Familie und anderen Eltern zurückgreifen.

Wer sein Kind öfter abgeben kann, kommt viel seltener in die Überforderung. Das schafft Raum für die Verbindung zu sich selbst und damit für die zum Kind.

Für mich ist es wichtig, dass mich mit Eltern, mit denen ich Zeit verbringe, mehr als nur Elternschaft verbindet. Ich freue mich, wenn sich das Zusammensein mit anderen Eltern ein bisschen wie Familie anfühlt. Kaufst du heute ein? Essen wir nächste Woche bei euch oder bei uns? Wer holt die Kinder am Mittwoch ab? Wenn es die richtigen Menschen sind, mit denen du dich zusammentust, bereitet der Kontakt nicht nur Freude, sondern spart allen Zeit und Geld. Das Wichtigste:

Auf diese Weise entstehen Kinderfreundschaften fürs Leben, die sich ein bisschen wie Geschwister anfühlen. Für ein Einzelkind kann das ein großes Geschenk sein.

TIPP Wo und wie ihr Gleichgesinnte findet, verrät meine Freundin Victoria, die Kuchenerbse. Sie weiß, wie sich allein sein mit Kind anfühlt.

Von wegen Zerfall der Großfamilie … denn dann kam Tina

Meine Freunde sagen, ich hätte ein Talent, “die richtigen Menschen zu finden”. Manchmal finden die aber auch mich. Es war an einem Sommertag. Kugelrund spazierte ich mit meinen Hundeweibern durch den Olympiapark. Es fehlten vielleicht noch vier oder fünf Wochen, bis ich mein Kind endlich kennenlernen würde. Da tauchte plötzlich eine Frau auf, die sich als  Hundesitterin anbot. Dass diese Begegnung im Sommer 2014 unser aller Leben verändern würde, war nicht abzusehen. Sie kam mit Ihrem Mann zum Kaffeetrinken zu uns, noch während des Wochenbetts.

Die Art, wie Tina mit einem Neugeborenen zu kommunizieren schien, hat mich tief berührt.

Ich fragte spontan, ob sie auch eine Babysitterin werden könnte. Sie sei Kinderpflegerin und würde sich freuen. Das war die Antwort. Dass zwischen Opa Franz und Merlin kein Blatt passt, das war auch nicht geplant. Genauso wie der Umstand, dass Merlin zweisprachig aufwächst. Tina ist Schwedin und spricht seit drei Jahren nur Schwedisch mit ihm.

Merlin, RiskyDad. Tina und Franz am Polarkreis
Elternzeit in Norwegen – aus den Hundesittern wurden Großeltern

TIPP Wer keine (Wahl-) Großeltern hat, findet bei wellcome in Deutschland, der Schweiz und Österreich Unterstützung. Wir haben mit der gemeinnützigen Organisation tolle Erfahrungen gemacht. Sie vermittelt Hilfe für Eltern, die vor Ort keine familiäre Unterstützung haben. Ausserdem hilft die brandneue, in Kürze erscheinende App SitEinenander weiter. Die Plattform ermöglicht Eltern, sich gegenseitig zu unterstützen. Ein tolles Großfamilien-zwopunktnull-Konzept, finden wir. Demnächst mehr.

Zurück zur Großfamilie – was bedeutet das im 21. Jahrhundert?

Ich glaube, dass eine große Familie keine Frage der Definition ist, sondern eine des Gefühls. Wir können uns für ein Lebensgefühl entscheiden, das auf Verbundenheit und Miteinander fußt. Dafür müssen wir weder acht Kinder haben, noch mit unseren Eltern und Großeltern unter einem Dach oder auf einem Hof leben. Wir können uns aber für diese Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel, Wahlgroßeltern, Paten und engen Freunde interessieren. Wir können sie einladen teilzuhaben an dem, was bei uns geschieht. Wir können ihnen zeigen, dass wir sie wertschätzen und sie willkommen heißen. Ob oder inwieweit sie unsere Einladung annehmen, bleibt ihnen überlassen.

Ich liebe alle Menschen und Tiere, Mama. (Merlin, drei Jahre)

Vielleicht besteht genau darin ein wesentlicher Unterschied zwischen der Großfamilie 1.0 und 2.0. Wir können uns heute für eine Großfamilie entscheiden. Es sind selten Not noch Notwendigkeit, die uns dazu bewegen. Wir tun es bewusst und wohl dosiert aus dem sicheren Gefühl heraus, dass wir einander lieben und für einander da sein möchten. Und im besten Fall tun wir das auf Augenhöhe und in Selbstverantwortung.

Ich bewundere und beneide die echte, gewachsene Großfamilie. Gleichzeitig bin ich glücklich einen anderen Weg gefunden zu haben, mich mit Menschen zu verbinden, teilzuhaben und teilhaben zu lassen. Welche Art der Familie lebst du? Was ist dir wichtig?

Eine blüten- und sonnengetränkte, pollenarme Woche wünsche ich dir.

Deine RiskyMum Tanja

Merlin und sein Onkel
Lernen durch gemeinsame Erlebnisse – Merlin liebt seinen Onkel

Ich widme diesen Artikel unseren Tanten, Großtanten, Onkeln, Cousinen, Cousins, Omas und Opas, Eltern und Freunden, die ein Teil unseres Lebens sind. Durch euch ist Merlins Welt so bunt wie die Frühlingswiese, auf die ich gerade blicke. Danke.❤

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Tanja Conrad

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